Trend A2-Milch: Immer mehr Menschen trinken Urmilch, doch die Vorteile sind umstritten

Kuhmilch galt lange als gesunder Nährstofflieferant. Doch das Image des tierischen Produkts hat sich in den letzten Jahren dramatisch verschlechtert. Mittlerweile gibt es nicht nur etliche pflanzliche Alternativen auf dem Markt, sondern auch tierische Varianten wie die A2- oder Urmilch. Sie soll gesünder und bekömmlicher sein. Ein Faktencheck.

Im Supermarkt finden wir alle möglichen Sorten von Kuhmilch – von Vollmilch über fettarm bis laktosefrei, als traditionell oder länger haltbare Variante, oder die nicht pasteurisierte Vorzugsmilch. Jetzt kann man vereinzelt als Neuheit auch die "Urmilch" oder A2-Milch kaufen. Das hat es mit diesem Milchtrend auf sich.

Was ist der Unterschied zwischen A1- und A2-Milch?

Der Unterschied zwischen A1 und A2-Milch liegt in ihrer biochemischen Zusammensetzung: Es geht lediglich um eine anderen Aminosäure im Milcheiweiß Beta-Kasein. Während A1-Milch Histidin an einer bestimmten Stelle in der Aminosäurenkette enthält, sitzt dort bei A2-Milch die Aminosäure Prolin. Letztere ist auch in Milch von anderen Tieren, wie Schafen oder Ziegen, enthalten. Es wird angenommen, dass auch in Kuhmilch ursprünglich Prolin die vornehmlich vorkommenden Aminosäure war – deshalb wird A2-Milch auch als Urmilch bezeichnet.

Die unterschiedliche Aminosäure in den beiden Milchtypen bewirkt, dass sie im Darm unterschiedlich abgebaut werden. Nur beim Verdauen der A1-Milch entsteht im Darm das Peptid BCM7, dem ein erhöhtes Risiko für chronische Krankheiten nachgesagt wird.

Jetzt Artikel für später in „Pocket“ speichern

Welche Kühe geben A2-Milch?

Welche Milch eine Kuh gibt, kommt auf deren Genetik an. Es gibt Kühe mit einen A2/A2-Genotyp, solche mit dem Genotyp A1/A1 und solche mit A1/A2. Vor allem die Rasse ist entscheidend. A2-Milch geben insbesondere Jersey-Rinder und Kühe der Rasse Brown Swiss und Guernsey, wie das Max-Rubner-Institut schreibt. Laut Bundeszentrum für Ernährung geben auch Kühe der Rasse Fleckvieh überwiegend A2-Milch. Ein erheblicher Teil der Rinder in Europa produziert ein Gemisch aus A1- und A2-Milch.

Ist A2-Milch gesünder als andere Milch?

A2-Milch werden verschiedene gesundheitliche Vorteile zugeschrieben. Denn seit einigen Jahren ist die Rede davon, dass A1-Milch gesundheitliche Risiken birgt. Sie könne etwa Autismus und Störungen im Fettstoffwechsel begünstigen, aber auch Altersdiabetes auslösen.

Ob an dem Gesundheitsvorteil der alternativen Milch tatsächlich etwas dran ist, haben Wissenschaftler vom Kompetenzzentrum für Ernährung (Kern) des Bayerischen Staatsministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten zusammen mit Experten von Cochrane, einem internationalen Netzwerk von Ärzten und Wissenschaftlern, kürzlich untersucht. Sie haben 21 Studien unter die Lupe genommen.

Einen eindeutigen Rat konnten die Forscher den Konsumenten jedoch nicht geben. „Auf Basis der wissenschaftlichen Fakten kann zurzeit keine Empfehlung für die A2-Milch ausgesprochen werden“, sagt Christine Röger, Bereichsleiterin Wissenschaft am Kern. 

Von Montag bis Freitag versorgt Sie FOCUS Online mit den wichtigsten Nachrichten aus dem Gesundheitsressort. Hier können Sie den Newsletter abonnieren.

 
 
 

Der Grund dafür: Die Studienergebnisse fielen sehr unterschiedlich aus. Während einige Untersuchungen einen Zusammenhang zwischen Milchkonsum und bestimmten Erkrankungen zeigten, konnte andere diesen nicht bestätigen. Außerdem kommen die Kern-Experten zu dem Schluss, dass die untersuchten Studien häufig nicht sehr vertrauenswürdig waren, da sie methodische Mängel aufwiesen. Ihr Fazit: „Weitere Humanstudien, die eine hohe Datenqualität liefern, sind notwendig.“

Ist A2-Milch verträglicher für Menschen mit Lactose-Intoleranz?

Nein, denn der Laktosegehalt von A1- und A2-Milch unterscheidet sich nicht. Dass A2-Milch für laktoseintolerante Menschen besser verträglich ist, entbehrt laut Max-Rubner-Institut daher "jeglicher wissenschaftlicher Grundlage".

Woher kommt der A2-Milch-Trend?

Vor allem in Neuseeland wird die A2-Milch seit Jahren erfolgreich vermarktet. Auch in Australien hat die Urmilch schon lange Beliebtheit erlangt. Inzwischen wird sie vermehrt ebenfalls in den USA und in einigen europäischen Ländern, unter anderem in Holland und Österreich, vor allem aber in Großbritannien verkauft. Auch in Deutschland ist sie zunehmend erhältlich.

Ist Kuhmilch generell ungesund?

Hier gehen die Meinungen auseinander. Nobelpreisträger Harald zur Hausen etwa glaubt, dass Kuhmilch genau wie Rindfleisch infektiöse Krebserreger enthält.

Gesichert ist, dass viele Menschen keine Kuhmilch vertragen. Etwa 15 Prozent der Erwachsenen sind hierzulande laktoseintolerant, weltweit sind es 75 Prozent. Menschen mit Laktoseintoleranz fehlt das Enzym Laktase, um Milchzucker (Laktose) zu verdauen.

Auch ist die Milch, die wir im Laden kaufen, heute ein industriell verarbeitetes Lebensmittel, das aus der Molkerei kommt. Dort wurde sie pasteurisiert, homogenisiert, in ihre Einzelteile zerlegt, wärmebehandelt und länger haltbar gemacht. Besonders die Homogenisierung steht in der Kritik. Die Methode soll verhindern, dass sich an der Oberfläche eine Rahmschicht absetzt. Sie wird aber zunehmend dafür verantwortlich gemacht, dass Milch eine Allergie auslösen kann.

Trotzdem gilt Milch vielen immer noch als gesund. Die Kern-Wissenschaftler schreiben: „Milch ist ein hochwertiges Lebensmittel und liefert in konzentrierter Form lebensnotwendige Nährstoffe.“ Auch das Max-Rubner-Institut berichtet auf seinen Seiten, dass nichts gegen den Verzehr von Milch und Milchprodukten in Maßen spricht: „Grundsätzlich besteht bei dem in Deutschland üblichen Verzehr von Milch und Milchprodukten kein erhöhtes Krankheitsrisiko.“ Das Gegenteil sei der Fall: „Ein moderater Verzehr geht mit einem leicht verringerten Risiko für kardiovaskuläre Krankheiten, Bluthochdruck und Diabetes mellitus Typ 2 einher.“

Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) listet ebenfalls die Vorteile von Milch auf, wie eine hohe Nährstoffdichte, einen Reichtum an Kalzium, hochwertigem Eiweiß und Vitaminen sowie Mineralstoffen und Spurenelementen.

Lesen Sie auch:

  • Hafer, Reis, Soja, Mandel – Der große Milch-Check: So gesund sind die Alternativen wirklich 
  • TV-Ärztin: „Mit diesen 10 Lebensmitteln können Sie sich Medikamente fast sparen“
  • Deutschland, dein Fleisch – Vom Stall bis auf den Teller: Woher stammt unser Fleisch?

    Macht fettarme Milch dick? Wissenschaftler kommen zu erstaunlicher Erkenntnis

    FOCUS Online/Wochit Macht fettarme Milch dick? Wissenschaftler kommen zu erstaunlicher Erkenntnis

Quelle: Den ganzen Artikel lesen