Das fragliche Risiko

Seit Monaten verunsichern Nachrichten aus den USA über Erkrankungen und Todesfälle durch E-Zigaretten auch Nutzer hierzulande. Nun dürfte eine neue Studie für weitere Beunruhigung sorgen. Forscher warnen im Fachjournal „Cardiovascular Research“ vor potenziellen Risiken des Dampfens für die Herzgesundheit.

Für ihre Studie analysierten Mediziner die Daten mehrerer Kurz- und Langzeituntersuchungen zu den Folgen der E-Zigaretten-Nutzung auf das Herz-Kreislauf-System. „Viele Menschen glauben, dass diese Produkte sicher sind, aber es gibt mehr und mehr Gründe, sich über ihre Auswirkungen auf die Herzgesundheit Sorgen zu machen“, fasst Loren Wold vom Ohio State University College of Medicine die Ergebnisse zusammen. „E-Zigaretten enthalten Nikotin, Feinstaub, Metalle und Aromastoffe und nicht nur harmlosen Wasserdampf.“

Dass über die Luft eingeatmeter Feinstaub in den Blutkreislauf eintritt und schließlich direkt auf das Herz wirkt, ist bereits bekannt. Auch wenn die bisher vorliegenden Daten noch nicht ausreichend seien, legten sie nahe, dass das Gleiche für E-Zigaretten gelte, sagte Wold.

Gut zur Entwöhnung, schlecht als Einstieg

Nikotin erhöhe etwa den Blutdruck und die Herzfrequenz, während Feinstaub zu Arterienverhärtungen, Entzündungen und oxidativem Stress führe. „Wir wissen von diesen Problemen aus Untersuchungen zu den kurzfristigen Auswirkungen des Dampfens – die Forschung ist allerdings inkonsistent und die Folgen chronischer E-Zigaretten-Nutzung noch ein absolutes Rätsel“, so Wold. „Die potenziellen Schäden für das Herz sind im Grunde noch nicht untersucht.“

Ursprünglich galten E-Zigaretten vor allem als Instrument zur Rauchentwöhnung, Kritiker halten sie jedoch auch für eine mögliche Einstiegshilfe zum Rauchen. Klar ist: Die Dämpfe enthalten weniger Schadstoffe als Tabakrauch – sind deshalb aber nicht völlig unbedenklich, wie auch die Lungenärzte der Deutschen Lungenstiftung im Februar erklärten.

Wold zufolge zeigt die neue Analyse, dass es größere und längerfristige Studien zur Wirkung braucht. Vor allem aber solle sie E-Zigaretten-Nutzern zu denken geben und diejenigen davon abhalten, die vorher noch gar nicht rauchten. „Es ist ein zu großes Risiko, anzunehmen, dass man nicht abhängig wird und es keine negativen Konsequenzen gibt“, sagte er. „Das ist das Risiko einfach nicht wert.“

Beim Verschlucken harmlos – und beim Inhalieren?

In Deutschland sind Inhaltsstoffe für E-Zigaretten deutlich strenger reguliert als in den USA. Hier schreibt das Tabakerzeugnisgesetz vor, dass „bei der Herstellung der zu verdampfenden Flüssigkeit außer Nikotin nur Inhaltsstoffe verwendet werden, die in erhitzter und nicht erhitzter Form kein Risiko für die menschliche Gesundheit darstellen.“

Die Aromastoffe sind allerdings häufig nur für Lebensmittel zugelassen. Demnach schadet es zwar nachweislich nicht, sie zu verschlucken. Welche Wirkung sie haben, wenn sie inhaliert werden, ist in der Regel allerdings nicht untersucht. Auch die Autoren der aktuellen Studie erklären, dass nicht davon auszugehen sei, dass Propylenglykol, Glycerin – dabei handelt es sich um die Hauptinhaltsstoffe der Liquids – sowie Aromen beim Einatmen die gleichen Wirkungen haben wie bei einer oralen Einnahme.

Traditionelles Zigarettenrauchen sei zwar der vermeidbarste Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und entsprechende Todesfälle, betonen die Forscher. Viele Raucher hätten daher auf E-Zigaretten oder eine Kombination aus beidem umgestellt, was das Risiko für Folgeerkrankungen dem heutigen Kenntnisstand zufolge deutlich reduziert. Allerdings gebe es auch viele Neueinsteiger.

Besorgniserregend: Zahl der Nutzer unter Kindern und Jugendlichen

„Am besorgniserregendsten ist die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die sich das angewöhnt haben – und möglicherweise nie mit dem Rauchen herkömmlicher Zigaretten angefangen hätten“, sagt Nicholas Buchanan, Co-Autor der Studie. „Wir wissen nicht, welche gesundheitlichen Auswirkungen dies auf sie hat.“ Der Großteil der aktuellen Forschung konzentriere sich auf Erwachsene und hier vor allem auf jene, die in der Vergangenheit klassische Zigaretten rauchten. Eine Abschätzung der Folgen für junge Menschen sei entsprechend schwer.

Unbekannt seien zudem noch die möglichen Auswirkungen von E-Zigaretten auf Föten, wenn eine Schwangere dampfe, so Mediziner Wold. Auch die Konsequenzen des passiven Einatmens seien unklar. Erwachsene begriffen allmählich, dass die gesundheitlichen Auswirkungen des Dampfens noch nicht vollständig bekannt und die Risiken möglicherweise hoch seien. „Ich fürchte, bei Jugendlichen ist das noch nicht so.“

In Deutschland probieren immer mehr Jugendliche und junge Erwachsene E-Zigaretten, wie eine Umfrage im Auftrag des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) ergab. Zwischen 2014 und 2018 habe sich der Anteil der 16- bis 29-Jährigen, die jemals an einem Verdampfer gezogen hätten, von 11 auf 20 Prozent fast verdoppelt.

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