„Wie ein Meer aus Brennnesseln“

„Als ich im vergangenen Jahr mit meinen beiden Kindern in einem Badesee schwimmen ging, war mein ganzer Körper plötzlich mit juckenden Quaddeln übersäht“, sagt Tim Schulz*, 39, aus Berlin. „Ich hatte fast einen Kreislaufzusammenbruch. Der Warnschuss hat mir gezeigt, dass ich etwas tun muss.“

Schulz ist einer von vielen Menschen weltweit, die an der sogenannten Kälteurtikaria leiden. Dabei handelt es sich um eine Sonderform der weitverbreiteten Nesselsucht (Urtikaria), die durch den Kontakt der Haut mit Kälte hervorgerufen wird. Schätzungen zufolge sind in Deutschland etwa 50.000 Menschen betroffen. Die tatsächliche Zahl liegt aber vermutlich noch viel höher, glauben Experten, weil manche ihre Beschwerden nicht als krankhaft werten.

Leben mit Alltagseinschränkungen

Die Symptome treten bei den Betroffenen meist dort auf, wo direkte Kälte etwa durch Luft, Wasser, kalte Gegenstände oder Speisen auf die Haut einwirkt. „Eine Kälteurtikaria verursacht zwar genau die gleichen Beschwerden wie eine Allergie, ist aber keine echte Allergie“, sagt Petra Staubach-Renz, Fachärztin für Dermatologie und Venerologie an der Uniklinik Mainz und Vorsitzende des Urtikaria Netzwerks. „Eine echte Allergie beruht auf der Bildung von Antikörpern gegen ein Allergen. Wir kennen in der Forschung bisher aber keine relevanten Antikörper gegen Kälte.“

Die Betroffenen empfinden die Auswirkungen der Kälteurtikaria oft als sehr einschränkend: „Viele Dinge, die mir Spaß machen, kann ich nicht mehr bedenkenlos genießen“, sagt Schulz. Es fange mit so einfachen Dingen an, wie dass ihm beim Eisessen immer die Zunge jucke. Nach dem Baden in Seen fühle sich sein Körper an, als sei er in ein „Meer von Brennnesseln gefallen. Und wenn ich Fahrrad fahre, weiß ich nie so genau, ob vielleicht ein Luftzug wieder zu Quaddeln auf den freien Hautflächen führt“, so der zweifache Vater. „Man kann diese Erkrankung einfach nicht richtig steuern.“

Ein Sprung ins kalte Wasser kann lebensgefährlich sein

Frühjahr und Herbst sind für ihn die schlimmsten Jahreszeiten: „Offenbar ist es für die Haut schwierig, mit den größeren Temperaturunterschieden umzugehen“, meint der Familienvater. Immerhin schränkt ihn seine Erkrankung bislang nicht in seiner Berufstätigkeit ein, obwohl er als Restaurateur in der Denkmalpflege viel an der frischen Luft arbeitet. „Ich packe mich einfach immer so sehr in warme Kleidung ein, dass mir meine Kälteallergie bislang keine Probleme bereitet.“

Die Folgen der Krankheit können über lästige Einschränkungen im Alltag allerdings auch weit hinausgehen. So kann ein Sprung ins kalte Wasser für Kälteurtikaria-Patienten mitunter sogar lebensgefährlich sein. Staubach-Renz warnt, dass es zu sogenannten Systemreaktionen des Körpers kommen kann, die sich wie ein allergischer Schock auswirken. „Man vermutet, dass viele Menschen, die beim Sprung ins kalte Wasser an einem vermeintlichen Herzinfarkt gestorben sind, in Wirklichkeit an einer Kälteurtikaria gelitten haben“, so Staubach-Renz.

Schwellenwerte sind individuell unterschiedlich

Probleme bei der Behandlung bereitete bislang vor allem, dass die Schwellenwerte, bei denen die Betroffenen auf die Kälte reagieren, individuell sehr unterschiedlich sind. An der Hautklinik der Charité in Berlin gibt es hierfür ein spezielles Gerät: Es ermittelt die individuelle Reizschwelle eines Patienten. Mit dem sogenannten TempTest lassen sich Temperaturen zwischen 4° C und 44° C einstellen und an der Haut testen.

Auch Tim Schulz hat das Testverfahren nach seinem einschneidenden Erlebnis am See im vergangenen Jahr durchführen lassen. Er weiß nun, dass sein Schwellenwert bei 18 Grad liegt. Bei Temperaturen, die darunter liegen, nimmt er vorbeugend ein spezielles Antihistaminikum ein: „Setze ich meine Haut direkt einer geringeren Temperatur als 18 Grad aus, muss ich mit den Symptomen der Kälteurtikaria rechnen“, sagt Schulz. „Allerdings heizt die Hautoberfläche auch dagegen an, so dass dieser Wert etwas schwanken kann.“

Krankheit verschwindet meist wieder

Der Dermatologin Staubach-Renz ist es besonders wichtig, den Menschen die Angst vor der Krankheit zu nehmen. Betroffenen rät sie zu folgenden Maßnahmen:

  • Kälte meiden,
  • über einen gewissen Zeitraum ein Antihistaminikum einnehmen, um die sogenannten Mastzellen zu stabilisieren,
  • Bäder in kaltem Wasser vermeiden
  • den Hautarzt nach einem spezialisierten Zentrum fragen.

Und zu guter Letzt gibt es noch die tröstende Nachricht: Der Forschung ist es zwar bislang noch nicht gelungen, eine klare Ursache für die Kälterurtikaria zu finden. Fest steht aber, dass sie meist nicht ein Leben lang bestehen bleibt: „Sie kommt spontan“, sagt Staubach-Renz, „sie geht aber in der Regel auch irgendwann wieder spontan.“

* Name von der Redaktion geändert

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