90-jährige Britin geimpft – das wissen wir über den Impfschutz bei Risikogruppen

Großbritannien hat als erstes westliches Land mit regulären Corona-Impfungen begonnen. Hochbetagte über 80 Jahre stehen jetzt ganz oben auf der Liste der Menschen, die das Vakzin bekommen. Oft wirken Impfstoffe bei ihnen weniger zuverlässig als bei Jüngeren.

Anfang des Jahres war nicht absehbar, ob es je einen wirksamen Impfstoff gegen Covid-19 geben würde. Jetzt werden in Großbritannien bereits die ersten Menschen außerhalb von Studien damit geimpft. Die Zulassung für das Corona-Vakzin des deutschen Unternehmens Biontech und dem US-Partner Pfizer ist erteilt; die dafür relevanten Impfstudien in Rekordzeit abgeschlossen.

Mit den ersten ausgelieferten Dosen werden seit Dienstagmorgen vor allem Menschen über 80 Jahre geimpft. Die allererste war um 6.30 Uhr die 90-jährige Margaret Keenan. Im Universitätskrankenhaus Coventry injizierte ihr eine Krankenschwester den neu entwickelten Corona-Impfstoff. Parallel sollen in den kommenden Tagen und Wochen Pflegekräfte das Vakzin bekommen, die verstärkt Kontakt zu Risikopatienten haben. Die Zahl der durch das Sars-CoV-2-Virus ausgelösten schweren Covid-19-Fälle soll das entscheidend verringern.

Viele Fragen zur Corona-Impfung sind offen

In Deutschland wird ein ähnliches Vorgehen erwartet. Wenngleich bislang kein Corona-Impfstoff zugelassen ist, empfehlen der Deutsche Ethikrat und die Ständige Impfkommission (Stiko) im Fall einer Zulassung auch hierzulande Bewohner und Mitarbeiter von Senioren- und Altenpflegeheimen sowie Menschen jenseits der 80 Jahre zuerst impfen zu lassen. Danach sollen Menschen mit anderen Risikofaktoren wie Vorerkrankungen der Lunge und Menschen mit geschwächtem Immunsystem folgen.

Ethisch und pandemietechnisch scheint diese Priorisierung schlüssig. Aufgrund der begrenzten Verfügbarkeit von Impfdosen muss die Durchimpfung der Bevölkerung schrittweise erfolgen. Medizinisch sind bezüglich des Impfstoffs jedoch noch viele Fragen offen. Wie lange etwa hält die durch die Impfstoffe ausgelöste Immunität gegen den Sars-CoV-2-Erreger an? Schützen die Vakzine nur den Geimpften selbst vor schweren Symptomen oder unterbinden sie eine Infektion gar komplett und damit auch die Weitergabe des Virus an andere? Auch die Frage nach potenziellen Langzeitwirkungen ist bislang nicht abschließend zu klären. Sie kann nur weitere Forschung über die kommenden Jahre hinweg klären.

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Mediziner: „Die fehlende Transparenz hinsichtlich der Studien ist unbefriedigend“

Die Wirkung der Impfstoffe auf Risikopatienten sei dabei bisher besonders unklar, mahnen manche. „Wir wissen derzeit nicht, wie der Impfstoff bei Risikopatienten wirkt“, kritisiert etwa der Vorsitzende der Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft Wolf-Dieter Ludwig im „Welt“-Interview. Demnach sei es wunderbar, dass wir bereits jetzt Impfstoffe hätten, die an zehntausenden Menschen getestet wurden. „Unbefriedigend ist aber die fehlende Transparenz hinsichtlich der klinisch relevanten Studien“, erklärt der Mediziner. „Ohne die wird kein Arzt einen Patienten beraten können.“

Sämtliche bislang verfügbaren Informationen über die Wirksamkeit und Sicherheit der Corona-Impfstoffe stammen aus Pressemitteilungen der Hersteller. Detaillierte Rohdaten zu den beobachteten Effekten der Präparate auf die Probanden und die Zusammensetzung der Testgruppen beinhalten sie nicht. „Das erlebe ich zum ersten Mal in den vielen, vielen Jahren, in denen ich klinische Studien zu Arzneimitteln bewerte.“

Moderna-Impfstoff wurde an Risikopatienten bereits getestet

Virologin Ulrike Protzer zeichnet ein etwas weniger dramatisches Bild. Alle Risiken könne man in diesem Stadium der Impfstoffentwicklung zwar nicht ausschließen, sagt die Direktorin des Instituts für Virologie an der Technischen Universität München (TUM) und am Helmholtz Zentrum München. Aber seien durchaus bereits einige besondere Patientengruppen in den klinischen Studien berücksichtigt worden.

Das Unternehmen Moderna etwa testete seinen Impfstoff auch an Menschen über 65 Jahren, solchen mit Diabetes, schwerem Übergewicht oder einer Herzerkrankung. Biontech schreibt in seinem Bericht: „41 Prozent der weltweiten Studienteilnehmer und 45 Prozent der amerikanischen Studienteilnehmer sind im Alter von 56 bis 85 Jahren.“ Sicherheitsbedenken sind nach Angaben beider Unternehmen nicht aufgetreten. „Das Risiko einer seltenen, schweren Nebenwirkung ist nicht gleich Null, aber es ist im Vergleich zu anderen Risiken, die wir täglich in Kauf nehmen, etwa beim Autofahren, doch sehr gering“, konstatiert Virologin Protzer.

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    Dass die Impfstoffe bei älteren Menschen weniger zuverlässig eine Immunität erzeugen, weil ihr Immunsystem weniger stark reagiert als das von jüngeren Personen, scheint ebenfalls nicht der Fall zu sein. Sowohl Moderna als auch Biontech beobachteten in ihren Studien eine ähnlich starke Immunreaktion über die verschiedenen Teilnehmergruppen hinweg.

    Impfstoffe verändern nicht die menschliche DNA

    Sorgen, dass speziell die mRNA-Impfstoffe besondere Sicherheitsrisiken mit sich bringen und etwa das menschliche Erbgut verändern, halten Experten für unbegründet. „Beim Menschen befindet sich das Genom in Form von DNA im Zellkern“, heißt es etwa beim Paul-Ehrlich-Institut, das für die Sicherheit von Impfstoffen zuständig ist. „Eine Integration von RNA in DNA ist unter anderem aufgrund der unterschiedlichen chemischen Struktur nicht möglich.“

    Auch Infektiologe Christoph Spinner erklärt im FOCUS-Online-Interview: „Hierfür gibt es bislang keinerlei Hinweise.“ Zwar würde bei den Impfstoffkandidaten in beiden Fällen Erbinformation in Form sogenannter mRNA injiziert. „Diese Information integriert sich jedoch nicht in das menschliche Erbgut, sondern fungiert als vorübergehende Bauanleitung von Virusbestandteilen, um das Immunsystem zu trainieren.“

    „Man geht von einer guten Verträglichkeit aus, aber da fehlen noch Langzeit-Erfahrungen“

    Eine Besonderheit der RNA ist, dass sie chemisch sehr labil ist. „Wenn die mRNA in die Zellen gelangt, wird sie sehr schnell wieder abgebaut“, erläutert Protzer. Eine nachhaltige Interaktion mit der menschlichen Zelle ist allein aus diesem Grund unwahrscheinlich. Um die Haltbarkeit zu erhöhen, wird die Impf-mRNA in eine Art Schutzhülle verpackt. „Was diese Zusatzstoffe bewirken, müssen wir beobachten“ sagt Protzer. „Man geht von einer guten Verträglichkeit aus, aber da fehlen noch Langzeit-Erfahrungen.“

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    Insgesamt bewerten Experten vor allem die auf Basis der neuen mRNA-Technologie entwickelten Impfstoffe als sehr sicher. „Den veröffentlichten Informationen zu den bisherigen Impfstudien nach gibt es bei den mRNA-Impfstoffen bisher keine wesentlichen Sicherheitsbedenken oder Nebenwirkungen“, sagt Infektiologe Spinner. Bei den Probanden wurden in der Studienphase lediglich leichte Begleiterscheinungen wie Kopfschmerzen oder Müdigkeit registriert.

    Mit Blick auf die Sicherheit der mRNA-Impfstoffe ist ein weiterer Punkt wichtig: Obwohl bisher keiner dieser Impfstoffe für Menschen zugelassen ist, wurde die Technologie nicht erst im Zuge der Corona-Pandemie entwickelt, einige Erfahrungen damit liegen bereits vor. Die Idee für diese Art von Impfstoffen stammt aus der immunologischen und infektiologischen Grundlagenforschung und aus der Krebsforschung. Ziel dabei ist es, den Körper zu einem Angriff auf Tumorzellen zu veranlassen, auch in diesem Bereich laufen bereits klinische Studien.

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