Corona ohne Symptome: COVID-19-Dunkelziffer ermitteln – Naturheilkunde & Naturheilverfahren Fachportal

Ist das Coronavirus auch ohne Symptome ansteckend?

Derzeit ist immer noch unklar, wie viele Menschen sich unbemerkt mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 infiziert haben. Hierfür spielt der Anteil der Erkrankungen eine wichtige Rolle, der ohne beziehungsweise mit sehr milden Symptomen verläuft. Die ersten Studien liefern nun Anhaltspunkte für diesen Anteil.

Aus den Personen, die positiv auf SARS-CoV-2 getestet wurden, geht bereits hervor, dass rund 80 Prozent aller COVID-19-Erkrankungen mild oder mittelschwer verlaufen. Diese Fälle können in häuslicher Quarantäne behandelt werden. Unklar ist jedoch, wie viele Menschen sich unwissentlich und unbemerkt infiziert haben.

Inhaltsverzeichnis

Warum ist die Dunkelziffer so wichtig?

Die Anzahl der laborbestätigten Coronavirus-Fälle liefert nur eine begrenzte Aussagekraft. Wenn man wissen möchte, wie schnell die Pandemie besiegt werden kann, ist es erforderlich, die Dunkelziffer zu kennen. Nur so kann bestimmt werden, wie verbreitet das Virus tatsächlich ist und welche Immunitäten in der Bevölkerung gegen SARS-CoV-2 vorherrschen. Als Faustregel gilt: Wenn rund 70 Prozent einer Bevölkerung Immunitäten aufweisen, gilt die Epidemie als besiegt.

Corona: Wie kann die Dunkelziffer ermittelt werden?

Die Dunkelziffer kann ermittelt werden, indem nicht nur Menschen mit Symptomen oder Personen, die mit Infizierten in Kontakt waren, getestet werden, sondern zufällige Stichproben in der Bevölkerung durchgeführt werden – und zwar möglichst viele. Dies ist aufgrund der beschränkten Testkapazitäten bislang aber nur schwer durchzuführen. Einige Studien führten dies bereits in kleinen isolierten Populationen durch.

Das Dorf mit dem ersten Corona-Todesfall in Italien

Forschende des Imperial College London führten beispielsweise eine Studie in einem kleinen italienischen Dorf durch, wo nahezu die gesamten Einwohnerinnen und Einwohner getestet wurden, um die Dunkelziffer zu ermitteln. Die Studienergebnisse können auf dem Preprint Server „medRxiv“ eingesehen werden.

In der nordostitalienischen Gemeinde Vo wohnen 3.304 Personen. Am 21. Februar 2020 starb ein Einwohner der Gemeinde an einer Lungenentzündung infolge einer SARS-CoV-2-Infektion. Dies war der erste COVID-19-Todesfall, der in Italien festgestellt wurde. Als Reaktion darauf verhängten die regionalen Behörden die Sperrung der gesamten Gemeinde für 14 Tage.

Nahezu eine ganze Gemeinde wurde getestet

Ein Forschungsteam des Imperial College unter der Leitung von Neil Ferguson aus London, dessen Team zu den weltweit führenden Epidemiologen-Gruppen gehört, testete zu Beginn und am Ende der Kontaktsperre einen Großteil der Bevölkerung in dem kleinen abgesperrten Gebiet, um genauere Informationen über die Dunkelziffer, die Herdenimmunität und die Ausbreitung der Coronaviren zu erhalten.

Corona-Infektionen ohne Symptome möglich

Die Forschenden testeten zu Beginn der Isolation 85,9 Prozent der Bevölkerung in Vo und am Ende der Isolation nochmals 71,5 Prozent aller dort lebenden Personen. Das Team fand durch die flächendeckende Testung heraus, dass zu Beginn der Isolation 2,6 Prozent der Gemeinde bereits infiziert war. Am Ende der Kontaktsperre waren nur noch 1,2 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner infiziert. Durch Befragungen der infizieren Personen stellte sich heraus, dass 43,2 Prozent aller Erkrankungen asymptomatisch, also ohne Beschwerden verliefen.

Corona ohne Symptome ansteckend

Durch die Verfolgung von Infektionsketten konnte das Forschungsteam auch zeigen, dass asymptomatische Infizierte für einen Großteil der Neuinfektionen verantwortlich waren, die sich während der Isolation in den jeweiligen Haushalten ereigneten. Die Studie zählt zu den ersten Forschungsarbeiten, die die Häufigkeit asymptomatischer SARS-CoV-2-Infektionen beleuchten, und gibt neue Erkenntnisse über die Übertragungsdynamik und die Wirksamkeit von Maßnahmen wie Isolation und Kontaktbeschränkungen.

Drosten ist beeindruckt von der Studie

Auch wenn die Studie noch nicht in einem Fachjournal erschienen ist, haben die Ergebnisse den Virologen Professor Dr. Christian Drosten beeindruckt. Die 43,2 Prozent asymptomatischer Fälle wurden dem Coronavirus-Experten zufolge durch eine präzise Datenerhebung ermittelt. „Ich denke, das ist eine Zahl, mit der man jetzt arbeiten kann in Zukunft“, betonte Drosten in seinem NDR-Podcast.

Die Heinsberg-Studie in Gangelt

Ein ähnliches Forschungsprojekt führte die Landesregierung in Nordrhein-Westfalen unter der Leitung des renommierten Virologen Professor Dr. Hendrik Streeck in Gangelt, Kreis Heinsberg durch. Da die Bevölkerung in Gangelt aber wesentlich größer ist, wurde hier nur stichprobenartig getestet.

Das Forschungsprojekt „Covid-19 Case-Cluster-Study“ kam zu dem vorläufigen Ergebnis, dass zum Zeitpunkt der Studie (Anfang April 2020) rund zwei Prozent der Bevölkerung in Gangelt unter einer akuten COVID-19-Erkrankung litten. Rund 14 Prozent der Stichproben in der Bevölkerung wiesen Antikörper gegen SARS-Cov-2 auf, was auf eine Immunität hindeutet. Insgesamt wurden rund 15 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner in Gangelt mit dem neuartigen Coronavirus infiziert.

Corona: Wie hoch ist Sterberate?

Aus diesem Ergebnis ließ sich auch für die Region Heinsberg ableiten, dass die Corona-Sterberate deutlich geringer ist, als bislang angenommen. Demzufolge starben 0,37 Prozent der Infizierten. Diese Rate liegt deutlich unter den 1,98 Prozent Letalität, die von der Johns Hopkins University angegeben werden. Die Heinsberg-Studie zeigt anschaulich, dass die Mortalität realistischer abgebildet werden kann, wenn die Zahl der asymptomatischen Fälle mit einberechnet wird.

Virologe Streeck unterstreicht in diesem Zusammenhang aber auch, dass zu erwarten ist, dass das Einhalten von stringenten Hygienemaßnahmen und die getroffenen Isolationsmaßnahmen die Sterberate klein halten. Bei außergewöhnlichen Ausbruchsereignissen („superspreading events“) wie Karneval, Partys, Diskos, Konzerten, Fußballspielen, dem Oktoberfest und ähnlichem könnte es zu unkontrollierten Ausbreitungen kommen. Dies könnte eine Aushebelung des Gesundheitssystems nach sich ziehen und die Todesraten in die Höhe schnellen lassen, ähnlich wie in Spanien, Italien und den USA.

Antikörpertests sollen die Dunkelziffer aufdecken

Das Problem bei den derzeit verfügbaren Studien ist allerdings, dass es sich um isolierte und verhältnismäßig kleine Gemeinden handelt. Was beispielsweise in Vo oder Gangelt gilt, muss nicht zwangsweise auf Großstädte wie Berlin und München übertragbar sein. Das Robert Koch-Institut (RKI) will die Dunkelziffer nun auf Bundesebene aufdecken. Hierfür sind mehrere bundesweite Antikörper-Studien geplant.

Corona: Wie wird die Herdenimmunität ermittelt?

In dem zum Teil schon gestarteten Studien sollen bundesweit beispielsweise alle 14 Tage 5.000 Blutproben auf SARS-CoV-2 Antikörper getestet werden. Darüber hinaus plant das RKI jeweils 2000 Teilnehmende aus besonders betroffenen Orten in Deutschland in regelmäßigen Abständen zu untersuchen. Dabei sollen klinischen Symptome, Vorerkrankungen, Gesundheitsverhalten, Lebensumstände sowie die psychische Gesundheit berücksichtigt werden. Erste Ergebnisse aus diesen Untersuchungen werden Anfang Mai 2020 erwartet.

Des Weiteren will das RKI ab Mitte Mai 15.000 Stichproben an 150 Orten in Deutschland durchführen, um die Verbreitung von Antikörpern in der Bevölkerung zu messen. Diese Ergebnisse könnten von großer Bedeutung sein, um den Verlauf und die Schwere der Pandemie genauere abschätzen zu können. Erste Ergebnisse hierzu werden im Laufe des Junis 2020 erwartet. (vb)

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