Corona-Zahlen sinken trotz Teil-Lockdown nicht – das liegt vor allem an uns

Ob ein Lockdown die erhoffte Wirkung entfaltet, zeigt sich in einem typischen Kurvenverlauf: Erst steigen die Fallzahlen noch für eine gewisse Zeit, erreichen dann ein Plateau, stagnieren und beginnen dann zu sinken. Seit fünf Wochen befindet sich Deutschland nun in einer Art "Lockdown Light", doch die erhoffte Wirkung – das Sinken der Fallzahlen – bleibt bislang aus. Im Gegenteil. Zuletzt schienen die Fallzahlen sogar wieder leicht zu steigen. Allein am vergangenen Samstag meldete das Robert Koch-Institut (RKI) mehr als 23.300 Neu-Infektionen mit dem Coronavirus. Die Zahlen zu Beginn dieser Woche sind erwartungsgemäß etwas niedriger, weil an Wochenenden weniger getestet und gemeldet wird. Allerdings liegen sie über dem Niveau der Vorwoche. Gestern berichtete das RKI über knapp 12.300 neue Ansteckungsfälle – das sind über 1000 Fälle mehr als am vergangenen Montag.

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Klar ist: Die Wirkung des Teil-Lockdowns ist bislang deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Zwar konnte der schnelle Anstieg der Infektionen ausgebremst werden, doch seitdem stagnieren die Zahlen auf hohem Niveau. Hohe Fallzahlen sind aus mehreren Gründen problematisch. Infizieren sich viele Menschen mit dem Virus, bleibt auch die Zahl der schweren Verläufe hoch, was Druck auf Kliniken, Ärzte und Pflegepersonal ausübt. Weil die Gesundheitsämter vielfach nicht mehr mit der Kontaktnachverfolgung hinterherkommen, steigt auch die Dunkelziffer – es wissen also mehr Menschen nichts von ihrer Infektion, was wiederum vulnerable Gruppen wie Ältere und chronisch Kranke gefährdet. Ein Teufelskreis. Wie lässt er sich durchbrechen?

Wissenschaftler der Nationalen Wissenschaftsakademie Leopoldina haben heute eine Stellungnahme veröffentlicht, in der sie sich für einen harten Lockdown bereits ab der kommenden Woche aussprechen. Der Vorschlag zielt darauf ab, die hohen Fallzahlen rasch zu drücken. Die Wissenschaftler setzen dafür auf ein zweistufiges Vorgehen: Zunächst sollte die Schulpflicht ab dem 14. Dezember bis zu den Weihnachtsferien aufgehoben werden. Ab dem 24. Dezember bis mindestens 10. Januar sollte dann "in ganz Deutschland das öffentliche Leben weitgehend ruhen", heißt es in der Stellungnahme. Alle Geschäfte bis auf diejenigen des täglichen Bedarfs sollten in diesem Zeitraum schließen, Kontakte außerhalb des eigenen Hausstands auf ein Minimum reduziert werden.

"Die Erfahrungen aus vielen anderen Ländern (z.B. Irland) im Umgang mit der Pandemie zeigen: schnell eingesetzte, strenge Maßnahmen über einen kurzen Zeitraum tragen erheblich dazu bei, die Infektionszahlen deutlich zu senken", heißt es weiter.

Entscheidend ist die Kontaktreduktion

Die Stellungnahme liefert auch eine Erklärung, warum der aktuelle Teil-Lockdown in der Wirkung bisher stark hinter dem ersten Lockdown zurückbleibt. "In Deutschland gelang es während des ersten Lockdowns im Frühjahr die Kontakte um ca. 63% zu reduzieren", heißt es darin. "Im derzeitigen Teil-Lockdown sind sie nur um ca. 43% zurückgegangen." Warum die Kontaktreduktion so wichtig ist, zeigt der Blick in Nachbarländer: "Länder, die auch im 2. Lockdown eine höhere Reduktion der Kontakte erreicht haben — wie z. B. Belgien und Irland — waren bei der Reduktion der Infektionszahlen erfolgreicher."

Eine Erklärung, warum die Kontakte nicht in ausreichendem Maße reduziert wurden, liefert die Stellungnahme nicht. Frank Schlosser von der Humboldt Universität-Berlin forscht zu diesem Thema und hat zusammen mit seinem Team zwei Faktoren ausfindig gemacht, wie er im Gespräch mit dem "Tagesspiegel" verriet. "Zum einen waren die Beschränkungen im Frühjahr strenger, wir haben ja derzeit nur einen Lockdown light“, so Schlosser. Darüber hinaus sehen er und sein Team Anzeichen einer gewissen "Pandemiemüdigkeit". Die Menschen würden anders auf die Beschränkungen und auch die Krankheit selbst reagieren, so der Forscher.

Kurz vor Weihnachten ist das allerdings eine heikle Mischung. "Die Weihnachtszeit und der Jahreswechsel bergen mit ihren traditionell verstärkten und engen sozialen Kontakten große Risiken für eine weitere Verschlechterung der Infektionslage", heißt es in dem Leopoldina-Schreiben. Gleichzeitig biete diese "Zeit der Entschleunigung" auch die Chance, einen großen Schritt voranzukommen. "Bildungseinrichtungen haben Weihnachtsferien, die Produktionstätigkeit in vielen Unternehmen ist deutlich reduziert, Behörden sind weitgehend geschlossen. Diese Rahmenbedingungen erleichtern eine Eindämmung der Pandemie, wenn wir auch im privaten Umfeld äußerste Achtsamkeit und Vorsicht walten lassen."

Quelle:Leopoldina

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