Deutschlands Patient 1 hat keine Antikörper mehr: Warum er wahrscheinlich trotzdem immun ist

Deutschlands „Patient 1“ erklärte in einem Interview, dass er seit April keine Antikörper gegen Sars-CoV-2 mehr besitzt – und entfacht die hitzige Diskussion um Immunität erneut. FOCUS Online erklärt, warum Antikörper nicht mit Immunität gleichzusetzen sind.

Der erste bekannt gewordene Corona-Patient Deutschlands ist sechs Monate nach seiner Infektion wieder vollkommen gesund. Das erklärte er in einem Interview, das sein Arbeitgeber Webasto am Montag veröffentlichte – FOCUS Online berichtete.

Der Mitarbeiter, der anonym bleiben möchte, erklärte aber auch, dass er bereits seit April „keine neutralisierenden Antikörper mehr“ habe und deshalb nicht mehr vor einer erneuten Ansteckung mit Sars-CoV-2 geschützt sei. Experten gehen derzeit jedoch davon aus, dass ein Covid-19-Genesener zumindest für einige Monate immun gegen eine erneute Infektion ist – auch, wenn die Antikörper nicht mehr im Blut nachweisbar sind.

Keine Wieder-Infektion genesener Covid-19-Patienten bekannt

Dass die Annahme des besagten Webasto-Mitarbeiters nicht weniger wahr ist, erklärte bereits Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin sowie Leiter der dortigen Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen an der München Klinik Schwabing.

Er war auch der behandelnde Arzt des Webasto-Mitarbeiters, Deutschlands Corona-Patienten Nummer 1: „Auch wenn erste Ergebnisse auf einen teilweisen Verlust von neutralisierenden Antikörpern bei Covid-19-Patienten hinweisen, heißt dies noch lange nicht, dass dies mit einem Verlust der Immunität gegenüber dem Virus einhergeht“. Er weist in diesem Zusammenhang auch darauf hin, dass bis heute noch über keine eindeutige Re-Infektion von genesenen Covid-19-Patienten mit Sars-CoV-2 berichtet worden sei.

Virologe: Immunität besteht fort, auch wenn Antikörperspiegel sinkt

Virologe Friedemann Weber erklärte das im Gespräch mit FOCUS Online so: „Man weiß aus Tierversuchen, dass Infizierte nach einer überstandenen Infektion zumindest für einige Wochen immun sind.“ Man könne davon ausgehen, dass die Immunität auch darüber hinaus fortbesteht – auch wenn die Antikörperspiegel wieder runtergehen. Das sei bei vielen Infektionskrankheiten der Fall.

Für einen Schutz vor einer Erkrankung seien demnach Antikörper im Blut nicht allein ausschlaggebend. „Es gibt daneben auch sogenannte Gedächtniszellen“, führt Weber aus. „Die bleiben nach einer Infektion in der Regel zurück und werden wieder aktiviert, sobald man wieder infiziert ist. Deshalb wird der Schutz gegen das Virus bei einer zweiten Infektion sehr viel schneller aufgebaut als bei der Erstinfektion, auch wenn der Betroffene zuvor niedrige Antikörperspiegel aufweist.“

Zwar sei anzunehmen, dass der Schutz vor einer erneuten Infektion umso höher ist, je höher der Anteil der Antikörper im Blut. „Im Umkehrschluss heißt das aber nicht, dass man bei sinkenden Antikörperspiegeln nicht mehr immun ist.“

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    Verschiedene Studien haben außerdem gezeigt, dass diese Gedächtniszellen auch vor Viren schützen könnten, die dem ursprünglichen Virus ähnlich sind. So hat man beobachtet, dass Personen, die nie an Covid-19 erkrankt waren, eine Immunantwort auf das Virus hatten. Sie waren in der Vergangenheit wahrscheinlich mit einem anderen Coronavirus infiziert, beispielsweise einem, das Erkältungen auslöst.

    „Es gibt erste Hinweise, dass viele Menschen eine gewisse Kreuzreaktivität gegenüber anderen Coronaviren jenseits von Sars-CoV-2 haben“, sagt der Münchner Infektiologe Wendtner. Zum jetzigen Zeitpunkt sei allerdings völlig unklar, ob hierbei eine schützende Immunität hinsichtlich Covid-19 besteht oder durch solche Kreuzimmunität zumindest ein abgeschwächter Krankheitsverlauf bedingt sein könnte. „Dazu ist dringend weitere Forschungsarbeit nötig, um besonders gefährdete Gruppen von Personen zu identifizieren und zu schützen.“

    Auch Patienten, die 2003 die erste Sars-Infektion überstanden haben, zeigten dem Münchner Mediziner zufolge immer noch sogenannte T-Gedächtniszellen, die auch gegen das neue Sars-CoV-2-Virus reagierten. Zudem habe man eine T-Zell-Antwort gegen das Hüllprotein des Virus in Menschen nachweisen können, die nachweislich keinen Kontakt zu Covid-19-Erkrankten hatten und selbst absolut gesund sind.

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    T-Zellen genesener Patienten erkennen das Virus

    Sowohl B-Zell- als auch T-Zell-Immunität scheint dem Infektiologen zufolge eine „wichtige Rolle in der Immunabwehr des Virus zu spielen.“ Beide sind Teil des sogenannten erworbenen Immunsystems. Die B-Lymphozyten produzieren Antikörper gegen Eindringlinge. Die T-Zellen attackieren Krankheitserreger und töten auch körpereigene Zellen ab, die bereits von einem Virus infiziert wurden. „Erste Arbeiten zeigen, dass in der Tat T-Zellen von genesenen Covid-19 -Patienten spezifische Eiweißmoleküle des Sars-CoV-2-Virus erkennen“, erklärt Wendtner.

    „Allerdings“, sagt der Mediziner weiter, „ist völlig offen, inwieweit diese T-Zellen wirklich vor einer Covid-19-Erkrankung schützen und den Krankheitsverlauf günstig beeinflussen könnten. Hierzu fehlen derzeit weitere Langzeitbeobachtungen – sowohl bei genesenen Covid-19-Patienten als auch bei Gesunden.“

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