Die Angst der Menschen vor Corona ist größer als ihr persönliches Risiko

Die Menschen in Deutschland haben generell eine realistische Beziehung zum neuen Coronavirus Sars-CoV-2 aufgebaut, wie eine aktuelle Umfrage unter knapp 5800 Bundesbürgern zeigt. Ihr persönliches Risiko überschätzen einige jedoch immens.

Im Schnitt schätzen die Menschen in Deutschland, dass sie ein Risiko von 26 Prozent haben, an Covid-19 schwer zu erkranken. Das ergab eine Umfrage unter 5783 Personen in Deutschland, die das sozio-ökonomische Panel (Soep) zwischen Anfang April und Anfang Juli durchgeführt hat. Die Grundfrage war: „Für wie groß halten Sie die Wahrscheinlichkeit, dass das neue Corona-Virus bei Ihnen im Laufe der nächsten 12 Monate eine lebensbedrohliche Erkrankung auslöst?“ Antworten konnten die Befragten in Prozentangaben. Sozio-oekonomisches Panel, SOEP-CoV-Studie Einschätzung der Wahrscheinlichkeit von lebensbedrohlicher Covid-19-Erkrankung (in Prozent).

Menschen schätzen ihr Risiko für schweren Verlauf zu hoch ein

Insgesamt schätzen die Menschen den an der Umfrage beteiligten Wissenschaftlern zufolge ihr Risiko als zu hoch ein: Die Forscher kommen in einer Beispielrechnung auf eine tatsächliche Wahrscheinlichkeit von etwa 0,6 Prozent, an einem schweren Verlauf zu erkranken.

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Für ihre Schätzung nahmen die Forscher die aktuelle Zahl der bislang mit Sars-CoV-2-Infizierten (200.000) und verdoppelten diese auf 400.000, um in etwa zu simulieren, wie sich die Pandemie im nächsten Jahr weiterentwickeln könnte. Auf alle Einwohner berechnet ergäbe das die verschwindend geringe Zahl 0,6. Allerdings ist diese Beispielrechnung der Forscher nur eine Schätzung – wie viele Menschen sich in der Realität in Deutschland noch anstecken werden und wie viele davon einen schweren Verlauf nehmen werden, ist nur schwer vorherzusagen.

Offiziellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts zufolge erleiden immerhin 17 Prozent der Erkrankten einen so schweren Verlauf, dass sie ins Krankenhaus müssen, der Fall-Verstorbenen-Anteil liegt derzeit bei 4,4 Prozent (Stand: 11. August 2020). Das ist etwas höher als die Schätzung der Forscher, aber immer noch deutlich geringer als die geschätzten 26 Prozent der Umfrageteilnehmer.

Generell schätzen die Menschen in Deutschland Sars-CoV-2 gut ein

Weiterhin ergab die Umfrage des SOEP, dass die meisten Menschen abgesehen von ihrem generellen Risiko die sonstigen Faktoren gut einschätzen konnten. So gaben die Teilnehmer aus dem Osten Deutschlands an, weniger Angst vor einem schweren Verlauf zu haben, als die im Westen – was den reellen Fallzahlen entspricht. Auch ältere Leute schätzten ihr Risiko für einen schweren Verlauf realitätsgetreu höher ein, ebenso solche mit Vorerkrankungen.

Auffällig war jedoch, dass Frauen ihr persönliches Risiko für einen schweren Verlauf generell höher annahmen als Männer. Statistiken zeigen das Gegenteil. Die Forscher führen diese verzerrte Wahrnehmung darauf zurück, dass Frauen generell ängstlicher seien als Männer und ihr Risiko deshalb höher einschätzten.

Umfrage zeigt: Menschen in Deutschland sind gut aufgeklärt

Außerdem zeigte sich im Verlauf der Befragung, die über mehr als drei Monate ging, dass die Menschen ihr Risiko zu Beginn der Pandemie im April noch deutlich höher einschätzten (um fast 30 Prozent) als Anfang Juli, als der Durchschnittswert auf 24 sank. Die Forscher führen das auf die zunehmende Aufklärung durch die Medien und die sinkenden Fallzahlen aufgrund der getroffenen Maßnahmen zurück. Sozio-oekonomisches Panel, SOEP-CoV-Studie Risikoeinschätzung von lebensbedrohlicher Covid-19-Erkrankung nach diversen Merkmalen.

Generell loben die Wissenschaftler, dass die befragten Menschen die Situation sehr realistisch einschätzen konnten. Sie mahnen aber auch, dass das nun kein Grund sein dürfe, die Aufklärungsarbeit einzustellen: Bei einem so dynamischen Infektionsgeschehen seien solche realitätsnahen Erwartungen ein wichtiges öffentliches Gut: „Es sollte gepflegt und ausgebaut werden.“

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