Die Corona-Woche im Rückblick, oder: der Bärendienst des Stiko-Vorsitzenden

Bund-Länder-Treffen im Doppelpack

Ursprüngliche sollte es erst am 9. Dezember ein Treffen zwischen Bund und Ländern geben, die weiterhin hohen Infektionszahlen zwangen die Verantwortlichen aber bereits unter der Woche zum Handeln. Am Dienstag und am Donnerstag saßen Vertreter von Bund und Ländern zusammen und beschlossen eine Verschärfung der Corona-Regeln. 2G im Einzelhandel, Beschränkung der Zuschauerzahlen bei Sport- und Großveranstaltungen, Clubs und Diskotheken müssen ab einer Inzidenz von über 350 schließen. Dazu Kontaktverschärfungen für Ungeimpfte, die sich nur noch mit Mitgliedern des eigenen Haushalts sowie zwei weiteren Personen eines anderen Haushalts treffen dürfen.

Damit präsentieren Bund und Länder einheitliche Regelungen, an die sich aber nicht alle Länder halten. So haben beispielsweise das erneut stark betroffene Sachsen sowie das Saarland Beschlüsse gefasst, die über die Einigung von Bund und Ländern hinausgehen. Clubs und Diskotheken sind schon seit einigen Tagen geschlossen, Ungeimpfte dürfen sich nur noch mit einer weiteren Person treffen. In Sachsen dürfen Gastronomie und Einzelhandel nur noch zwischen 6 und 20 Uhr öffnen. Neu und gleichzeitig bekannt aus dem Vorjahr ist das Feuerwerksverbot an Silvester und dem Neujahrstag. "Corona steht an erster Stelle, aber wir denken nicht, dass der Beschluss richtig ist", kritisierte Jens Thomas vom Bremerhavener Feuerwerksproduzenten Comet die Entscheidung gegenüber dem stern (mehr dazu lesen Sie hier).

Vierte Corona-Welle


Krankenpfleger über Triage-Einsatz: "Wir sind nicht weit von Bergamo entfernt"

Debatte um die Impfpflicht

In Österreich steht seit zwei Wochen fest, dass es ab Februar eine allgemeine Impfpflicht geben wird. Und auch Deutschland könnte nachziehen. Vertreter von Bund und Ländern beschlossen am Donnerstag, dass der Bundestag zeitnah über die Einführung abstimmen soll, Starttermin könnte schon im Februar sein. Prominente Unterstützer hat die Impfpflicht bereits: Der designierte Bundeskanzler Olaf Scholz sprach sich für eine Impfpflicht aus, ebenso Bayerns Ministerpräsident Markus Söder. Selbst FDP-Chef Christian Lindner, aus dessen Partei es viele Stimmen gegen eine Impfpflicht gibt, kündigte an, für die Einführung zu stimmen. "Wir kommen deshalb immer wieder in diese Situationen wie jetzt, wo Freiheiten für alle eingeschränkt werden müssen", sagte Lindner. Er verwies auch auf ausreichende Erfahrungen mit den Impfstoffen. "Wir müssen uns öffnen für eine solche Impfpflicht. Es ist ein scharfes Schwert, aber ich glaube es ist verhältnismäßig."

Diese Reiseländer gelten laut RKI als Hochrisiko- und Virus-Variantengebiete

Omikron verunsichert die Welt

Rund anderthalb Wochen ist es her, dass südafrikanische Forscher über die Entdeckung der Omikron-Variante informierten. Seitdem gibt es viele Meinungen, aber noch wenig belastbare Gewissheiten über die Variante. Es sei möglich, dass die Variante eine verbesserte Übertragbarkeit habe, sagte Virologe Christian Drosten. Nachgewiesen ist das bislang aber noch nicht. Christian Drosten sagte am vergangenen Sonntag im ZDF: "Keiner kann im Moment sagen, was da auf uns zukommt". Drosten geht aber davon aus, dass die verfügbaren Impfstoffe grundsätzlich auch gegen die neue Variante schützen, insbesondere gegen schwere Krankheitsverläufe. Noch besser sei es, "wenn man geboostert ist." Ähnlich äußerte sich Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Montag im ZDF. "Wir müssen boostern, boostern, boostern", sagte er und forderte landesweite Kontaktbeschränkungen.

Bei der Frage, ob Omikron gefährlicher ist als die Delta-Variante, sind sich die Experten bislang noch unsicher. Der südafrikanischen Ärztin Angelique Coetzee zufolge gibt es jedoch Anzeichen, dass eine Omikron-Infektion nur zu leichten Symptomen führt. Bei der Untersuchung von rund 30 Patienten in Pretoria habe sie zwar ungewohnte, aber nur milde Symptome festgestellt, sagte sie der Nachrichtenagentur AFP. Die meisten Infizierten seien Männer unter 40 Jahren gewesen. Sie hätten vor allem unter "extremer Müdigkeit" gelitten. Alle hätten sich wieder erholt, ohne ins Krankenhaus zu müssen.

Auch der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält einen leichteren Krankheitsverlauf für "denkbar". Er mahnte aber zur Vorsicht, da Südafrika eine sehr junge Bevölkerung hat, während Deutschland das Land mit der ältesten Bevölkerung in Europa mit vielen chronisch Kranken sei.

Impfen ab zwölf Jahren?


Stiko-Chef verteidigt zögerliche Haltung: Impfung für Kinder ist "kein Lakritzbonbon"

Der Stiko-Chef und seine Rhetorik

Ohne Frage, die Ständige Impfkommission (Stiko) hat seit Beginn der Pandemie keinen dankbaren Job. Ein Land schaut auf die Kommission und ihre Empfehlungen und ist entweder verärgert, weil die Empfehlungen spät kommen (der Ärger ist durchaus berechtigt) oder nicht den eigenen Ansichten entsprechen (der Ärger ist nicht ganz so berechtigt, liebe Impf-Skeptiker). Ein unglückliches Bild lieferte in den vergangenen Wochen aber der Vorsitzende der Stiko, Thomas Mertens, ab. Erst Mitte November erzählte Mertens bei einem Auftritt bei Markus Lanz fast schon nebenbei, dass es bald eine Booster-Empfehlung für alle ab 18 Jahren geben werde. Nicht nur, dass diese ohnehin erst sehr spät kam, machte er diese Empfehlung öffentlich, bevor es die offizielle Empfehlung der Stiko gab. Die kam erst zwei Tage später. Auch in der Politik ist man zunehmend genervt vom zögerlichen Handeln der Stiko. "Es ist schade, dass die Stiko Boostern erst im Oktober für 70-Jährige empfohlen hat und für alle sogar erst im November. Das kam viel zu spät", erklärte Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig im "Spiegel".

Geradezu unverantwortlich aber handelte Mertens in dieser Woche, als er in einem Podcast der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" erklärte, dass er seine sieben- bis achtjährigen Kinder nicht impfen lassen würde, die er im Übrigen nicht hat. Ohne Frage, das ist seine Meinung, die er natürlich auch kundtun darf und ihm niemand absprechen will. Mertens hatte bei seiner Äußerung sicher nichts Böses im Sinn, auch ist er nicht auf die Seite der Verschwörer gewechselt. Explizit betonte Mertens auch, dass Kinder mit Vorerkrankungen geimpft werden sollen. Viel mehr ist der Stiko-Vorsitzende durch und durch Wissenschaftler, der sich auf Daten verlässt. Mertens verwies dabei auf die fehlenden Daten über die Verträglichkeit des Impfstoffs bei Kindern – bislang werden diese nur in Israel und den USA geimpft. Zudem seien die Evidenzen nur bedingt auf Deutschland übertragbar. Aus den USA gibt es zumindest die ersten Daten, die den Laien vielleicht Hoffnung machen. Bislang wurden rund 4,7 Millionen Impfdosen an Kinder verabreicht, dabei seien laut dem Infektiologen Alexander Wong bislang noch keine schweren Nebenwirkungen wie eine Herzmuskelentzündung gemeldet worden.

Zurück zu Mertens, der als Vorsitzender der Stiko, die in wenigen Tagen ihre offizielle Stellungnahme zu den Impfungen von Fünf- bis Elfjährigen veröffentlichen will, nur jede Menge Verunsicherung bei den Eltern stiftet. Gibt die Stiko eine Empfehlung für die Impfung der Kinder ab, wird gleichzeitig immer diese Äußerung von Thomas Mertens im Raum schweben. So hat Mertens der Stiko und der Impfkampagne mit dem rhetorischen Eigentor einen Bärendienst erwiesen. Von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) wurde der Biontech-Kinderimpfsoff übrigens schon Mitte November zugelassen. Laut dem scheidenden Gesundheitsminister Jens Spahn sollen die ersten Lieferungen ab dem 13. Dezember erfolgen. Bleibt zu hoffen, dass die Stiko sich bis dahin zu den Kindern geäußert hat.

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