Doppelwelle im Winter? Warum Grippe-Viren die Corona-Ausbreitung beschleunigen

In einem mathematischen Modell zeigen Wissenschaftler, dass die vergangene Grippesaison die Verbreitung des Coronavirus beschleunigte. Wie, dafür gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Die Forscher sprechen sich für eine Grippeimpfung aus.

Zum Ende des Frühlings wurden die Corona-Neuinfektionen langsam weniger, mit Lockdowns und Kontaktverboten infizierten sich immer seltener Personen mit Sars-CoV-2. Während die Zahl der Neuinfektionen im März pro Tag teilweise auf über 6000 anstieg, überschritt sie die Tausendermarke im Mai, Juni und Juli kaum noch.

Forschen zufolge könnten dafür jedoch nicht nur die Maßnahmen verantwortlich sein – sondern auch das Ende der Grippesaison.

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie in Berlin und am Institut Pasteur in Paris modellierten jetzt mathematisch die ersten Monate der Pandemie in Europa. Dabei stellten sie fest: Die Grippeerkankungen erhöhten die Corona-Übertragungen im Durchschnitt um das 2,5-Fache.

Wissenschaftler modellierten Pandemieverlauf

Für ihre Berechnungen modellierten die Forscher zunächst den Pandemieverlauf in Belgien, Norwegen, Italien und Spanien. In diesen Ländern war das Infektionsgeschehen während der ersten Jahreshälfte unterschiedlich stark ausgeprägt.

Um das Krankheitsgeschehen abzubilden, nutzten die Forscher Daten der Weltgesundheitsorganisation. Sie bewerteten etwa Krankheitsparameter wie das „Generationsintervall“, den Zeitraum, nach dem ein Infizierter eine weitere Person ansteckt.

Außerdem betrachteten sie die im Land ergriffenen Maßnahmen. Um Kontaktbeschränkungen und Ausgangssperren zu bewerten, bezogen sie sich auf den Stringenz-Index. Dieser Wert wurde von Wissenschaftlern der Universität Oxford entwickelt und gibt die Härte staatlicher Anti-Coronamaßnahmen auf einer Skala von 0 bis 100 an.

MPI Infektionsbiologie Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie modellierten den Pandemieverlauf in vier europäischen Ländern.  

Nachdem sie die Pandemieverläufe also mathematisch „nachgebaut“ hatten, prüften die Forscher im nächsten Schritt, welchen Einfluss die Grippe auf die jeweiligen Infektionsgeschehen gehabt hatte. Ihren Berechnungen nach erhöhte die Grippe die Übertragungsrate um das 2- bis 2,5-Fache.

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Zwei Erklärungsansätze für Pandemie-Beschleunigung

Warum die Grippe die Ausbreitung des Coronavirus beschleunigte, dafür gibt es den Forschern zufolge zwei mögliche Erklärungen. „Offen bleibt, ob Grippekranke mit höherer Wahrscheinlichkeit Corona auf andere übertragen oder ob eine Grippeerkrankung Menschen anfälliger für Corona macht“, schreiben sie in ihrer Studie.

„Letzteres ist aber wahrscheinlicher, denn dass Grippeviren die Anfälligkeit für Corona vergrößern könnten, wurde vor Kurzem auch in Laborstudien nachgewiesen: Die Grippeviren bewirken eine vermehrte Herstellung von Rezeptoren, die das Coronavirus benötigt, um an menschliche Zellen anzudocken.

Dabei handelt es sich um die ACE2-Rezeptoren. Diese befinden sich vermehrt in der Lunge, aber auch in anderen Organen des menschlichen Körpers. Die Rezeptoren dienen Erregern wie Sars-Cov-2 als Eintrittspforte in die menschlichen Zellen.

  
 
 

Forscher sprechen sich für Grippeimpfung aus

Ihr Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler auf der prePrint-Seite medRxiv – die Arbeit wurde also noch nicht von weiteren Experten im Rahmen der Peer-Review begutachtet.

Dennoch legen die Ergebnisse nahe, dass auch die kommende Grippewelle einen verstärkenden Einfluss auf die Corona-Pandemie haben wird. Die Wissenschaftler betonen daher, wie wichtig die Grippeimfpung sei. Die Impfung könne nicht nur direkt vor Covid 19 schützen – weniger Grippefälle führten außerdem zu einer geringeren Belastung des Gesundheitswesens.

 

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Doppelwelle würde Gesundheitssystem belasten

Trifft die Coronapandemie auf eine starke Grippewelle, könnte das Experten zufolge das Gesundheitswesen nämlich herausfordern. Laut Gérard Krause, dem Leiter der Abteilung für Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung könnte es dann mehr Patienten mit Atemwegserkrankungen geben, die versorgt und getestet, teils in Krankenhäuser und auf Intensivstationen gebracht werden müssten.

Die Ständige Impfkommission am RKI empfiehlt die Grippeimpfung zwar nur für Risikogruppen. Das sind etwa Menschen über 60, Frauen ab der 14. Schwangerschaftswoche, Personen mit Vorerkrankungen und Menschen, die berufsbedingt ein erhöhtes Infektionsrisiko haben.

Krause zufolge hilft die Grippeimpfung jedoch nicht nur den geimpften Menschen in Risikogruppen. Stattdessen entlaste sie auch indirekt bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie. Denn so müssten weniger Patienten mit Symptomen behandelt oder vorsorglich in Quarantäne geschickt werden, weniger Leute landeten in Krankenhäusern und auf Intensivstationen.

Paradoxe Wechselwirkung: Doch weniger Covid-Fälle im kommenden Winter?

Krause stellt jedoch noch eine weitere These in den Raum. Entgegen der Ansicht der Forscher, könnte es dem Infektionsexperten zufolge im kommenden Winter womöglich sogar weniger Covid- und Grippe-Fälle geben.

Denn die Erreger von Covid-19 und Grippe werden auf ähnlichem Weg übertragen – folglich helfen auch die gleichen Schutzmaßnahmen. Krause geht davon aus, dass etwa Händewaschen, Abstand Halten und ein Mund-Nasen-Schutz auch gegen die Verbreitung der Grippe helfen. „Wir werden vielleicht – so paradox das klingt – im kommenden Winter weniger schwere Atemwegsinfektionen haben als die Jahre zuvor“, sagt Krause. „Wenn wir denn das Verhalten so beibehalten.“

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