Echte Sicherheit gibt es nur mit 1G: Virologen warnen vor 2G-Boomerang-Effekt

3G, 3Gplus, 2G – oder doch 1G? Politik und Wissenschaft ringen um den besten Weg durch die vierte Corona-Welle. Während Österreich bereits verschärft, raten Virologen hierzulande von 2G ab. Zur Eindämmung der Pandemie trage der Ausschluss von Ungeimpften nicht unbedingt bei. Im Zweifel drohe das Gegenteil.

Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit hat davor gewarnt, die Wirkung von 2G-Regeln – heißt nur noch Geimpfte und Genesene haben Zugang etwa zu Veranstaltungen oder ins Restaurant – zu überschätzen. 2G gebe eine "Scheinsicherheit", sagte Schmidt-Chanasit am Samstag im "Deutschlandfunk". Auch Geimpfte könnten sich infizieren und das Virus übertragen, auch wenn die Wahrscheinlichkeit dafür geringer sei als bei Ungeimpften.

Wenn man wirklich Sicherheit wolle, helfe nur 1G weiter – also alle zu testen, egal ob sie geimpft, ungeimpft oder genesen sind. Das sollte vor allem für problematische Bereiche gelten, wo vulnerable Menschen gefährdet seien. In Kliniken wird dies teilweise bereits angewendet: Jeder, der reinkommt, muss einen Testnachweis vorlegen. Entsprechend kritisch sieht Schmidt-Chanasit die Abschaffung der kostenlosen Bürgertests Mitte Oktober. Das wichtige Instrument des Testens solle man nicht aus der Hand geben, mahnte er und warb für eine "Testoffensive". dpa/Daniel Bockwoldt/dpabild Jonas Schmidt-Chanasit, Virologe des Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin.

Streeck nennt zwei Hauptprobleme von 2G

Ähnlich bewertet der Virologe Hendrik Streeck die 2G-Regel und ihre Folgen. Er sieht zwei Hauptprobleme:

  • Erstens hätten die Geimpften bei 2G das Gefühl, sie seien nicht mehr Teil der Pandemie und verhielten sich auch entsprechend risikoreich.
  • "Das zweite Problem sind die Ungeimpften, die ausgeschlossen werden und sich noch weniger testen lassen", führt Streeck am Samstag gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) aus.

Das könne zu unkontrollierten Ausbrüchen führen, skizziert der Direktor des Instituts für Virologie der Universität Bonn. "Wenn Ungeimpfte am Sozialleben nicht teilnehmen dürfen, organisieren sie zum Beispiel Feiern zu Hause. Dort lässt sich das Infektionsgeschehen dann überhaupt nicht mehr kontrollieren." Auch Streeck fordert daher die rasche Wiedereinführung kostenloser Corona-Tests.

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  • Kekulé: "Bei 2G rauscht Welle der Geimpfte wie ein Tarnkappen-Bomber durch die Bevölkerung"

    Virologe Alexander Kekulé hat schon vor einigen Wochen Zweifel an der 2G-Regel geäußert. So verhielten sich nicht nur die Geimpften dadurch vielfach unvorsichtiger, weil sie sich auf ihren Immunschutz verließen. Auch setze 2G Ungeimpfte einem höheren Infektionsrisiko aus.

    Denn: Werden Geimpfte nicht mehr getestet, steigt die Gefahr, dass sie das Virus unwissentlich weitergeben. Für sie selbst ist die Infektion in den allermeisten Fällen unproblematisch. Viele bemerken das Virus im Körper nicht einmal mehr. Sie sind mit einer sehr hohen Wahrscheinlichkeit vor einem schweren Corona-Verlauf geschützt.

    Doch für Ungeimpfte gilt das eben nicht. "Während die häufig proklamierte 'Welle der Ungeimpften' anhand der Tests und Krankenhauseinweisungen sichtbar und berechenbar ist, rauscht die Welle der Geimpften wie ein Tarnkappen-Bomber durch die Bevölkerung", resümiert Alexander Kekulé in seiner Kolumne für FOCUS Online. "Wenn sich das Virus dann massiv unter Kindern und Jugendlichen ausbreitet, sind Schulschließungen vorprogrammiert. Für die große Freiheit der Großen zahlen am Ende die Kleinen."

    • Lesen Sie hier die ganze Kolumne von Alexander Kekulé.

    Lauterbach nennt 2G den "Königsweg"

    SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hingegen hält 2G für den "Königsweg", wie er dem "Spiegel" sagte. Er fordert, die 2G-Regel solle "am besten in allen Bereichen greifen, die nicht wie Lebensmittelgeschäfte oder Drogerien zum täglichen Bedarf gehören". Gemeinsam mit der Booster-Impfung für möglichst viele Menschen seien dies "die beiden entscheidenden Maßnahmen", zitiert ihn das "RND". "Sie bringen den Modellierungen zufolge mehr als alles andere."

    Und auch Janosch Dahmen, der Gesundheitsexperte der Grünen, erklärte bei "RTL/n-tv": "Wir brauchen dringend 2G-Regeln in diesem Land, und zwar flächendeckend."

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    In Österreich gilt 2G ab Montag bundesweit

    Österreich hatte am Freitag im Kampf gegen die vierte Corona-Welle beschlossen, eine bundesweite 2G-Regel einzuführen. Menschen ohne Impfung dürfen von Montag an keine Lokale, Friseure und Veranstaltungen mehr besuchen. Dasselbe gilt für den Zutritt zu touristischen Betrieben. "Es ist schlicht und einfach unsere Verantwortung, die Menschen in unserem Land zu schützen", begründete Bundeskanzler Alexander Schallenberg (ÖVP) die drastischen Schritte. Auch in Österreich ist die Zahl der Neuinfektionen zuletzt stark angestiegen.

    In Deutschland setzt ab Montag als erstes Bundesland Sachsen die 2G-Regel in Teilen des öffentlichen Lebens flächendeckend und verpflichtend um. Damit haben nur noch Genesene und Geimpfte Zutritt etwa zur Innengastronomie, Diskotheken oder Freizeit- und Kultureinrichtungen. Auch Großveranstaltungen wie Fußball im Stadion sind betroffen, der Einzelhandel oder Gottesdienste nicht.

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