Herdenimmunität oder weiter Kontaktverbote? Die Corona-Szenarien nach 2 Wochen

Seit dem Wochenende hat sich das Leben der Menschen in Deutschland noch einmal entscheidend verändert: Um das Coronavirus zu bekämpfen, gelten ein Kontaktverbot oder Ausgangsbeschränkungen. Und das für mindestens zwei Wochen. Was geschieht danach? Das sagen die Experten zu verschiedenen Szenarien.

Jetzt sind Schulen und Kitas geschlossen, viele Menschen arbeiten im Home-Office, die meisten Läden und Restaurants haben zu. Zudem gelten in allen Bundesländern strenge Regeln, die den Kontakt zwischen Menschen verringern.

Kontaktverbot in der Corona-Krise: Das gilt jetzt

  • Die Bürger werden angehalten, die Kontakte auf ein absolutes Minimum zu reduzieren.
  • Außerdem ist in der Öffentlichkeit ein Mindestabstand von 1,5 Metern einzuhalten.
  • Der Aufenthalt im öffentlichen Raum ist nur alleine, mit einer weiteren, im Haushalt lebenden Person oder mit Angehörigen des eigenen Hausstands gestattet.
  • Einkäufe, Arztbesuche, der Gang zur Arbeit und Bewegung in der frischen Luft sind weiter gestattet.
  • Feiern in Gruppen auf öffentlichen Plätzen sowie im privaten Raum sind verboten.
  • Gastronomiebetriebe werden geschlossen, ausgenommen Lieferung und Abholung mitnahmefähiger Speisen.
  • Dienstleistungsbetriebe im Bereich der Körperpflege (Tattoostudios, Massagestudios, Friseure) werden geschlossen. Im medizinischen Bereich wird es keine Einschränkungen geben.
  • In allen Betrieben ist es wichtig, die Hygienevorschriften einzuhalten.

Die getroffenen Maßnahmen gelten seit Sonntag für zwei Wochen.

Bereits am 21. März hatte Bayern als erstes Bundesland landesweite Ausgangsbeschränkungen für die kommenden zwei Wochen erlassen. Die Maßnahmen sollen zunächst bis zum 3. April 2020, 24 Uhr, gelten.

Welche Bestimmungen in Ihrem Bundesland gelten, lesen Sie hier.

Was geschieht in diesen zwei Wochen?

„Wir haben nun zwei Wochen, um alle Infizierten zu finden“, sagte der Virologe Hendrik Streeck im Interview mit dem „Heute Journal“. Daher werde man in den nächsten drei bis 14 Tagen einen weiteren Anstieg der Neuinfektionen sehen. „Ein Rückgang wird zwei bis drei Wochen dauern.“ Screenshot Covid-Simulator Enden die Maßnahmen nach 14 Tagen wieder, ist der Peak der Infektionswelle lediglich nach hinten verschoben.

Wir haben vielleicht ein paar Wochen Zeit gewonnen. Allerdings ist der Peak der Infektionswelle lediglich nach hinten verschoben.

Das bedeutet: Die strikten Maßnahmen jetzt weiterdurchzuhalten, hält der Experte für nicht richtig. Denn die Welle habe in Deutschland noch gar nicht richtig angefangen. Was wir jedoch gewonnen haben, ist Zeit. Zeit, damit Krankenhäuser und Firmen sich vorbereiten können. Zeit, um die Grippewelle vorbeiziehen zu lassen und somit Krankenhäuser zu entlasten. Zeit, um medizinische Forschung weiterzutreiben.

Klar ist aber auch: Frühe, radikale Maßnahmen verhindern, dass viele Menschen immun werden. Eine Herdenimmunität braucht es, damit die Virenverbreitung gebremst wird.

Die Theorie der Herdenimmunität bedeutet: Wenn viele Menschen eine Erkrankung überstehen und dann gegen erneute Infektionen mit dem Virus geschützt sind, schützt das die ganze Bevölkerung. Schätzungen zufolge ist dies erreicht, wenn 60 bis 70 Prozent der Menschen immun sind.

Im Fall von Sars-CoV-2 geht Eichner von einer Basisreproduktionszeit von vier aus. Sprich: So viele steckt eine Person an, wenn niemand in der Bevölkerung immun ist.

Ein Covid-19-Kranker steckt also vier Menschen an. Im Laufe der Zeit werden mehr Menschen immun. Ist die Hälfte immun, steckt ein Erkrankter nur noch zwei andere an. Irgendwann sind dreiviertel der Menschen immun. Dann steckt ein Infizierter nur noch einen von vieren an. In dem Moment, in dem einer nur noch einen anderen ansteckt, wächst die Kurve nicht mehr. Der Gipfel der Welle ist erreicht und es geht bergab.

Gehen wir nach zwei Wochen komplett auf Normalzustand zurück, bedeutet das: Die Viren haben wieder freie Bahn. Sind noch nicht genug Menschen immun, können sie sich wieder ausbreiten. Nur Immune können die Welle dauerhaft ausbremsen.

Eichner schätzt, dass niemand schon nach zwei Wochen in Erwägung zieht, die Maßnahmen auszusetzen – vielleicht aber nach fünf. Und: „Wir können ja auch bremsen, indem wir Kontakte vermindern.“

Szenario 2: Kontaktverbot und Ausgangsbeschränkungen werden gelockert

Ist das Ziel in diesen zwei (oder fünf) Wochen „Fallzahlen zu senken“, dann kamen die aktuellen Maßnahmen nach Einschätzung des Wissenschaftlers Eichner zu früh. Es muss jetzt eine Deeskalation folgen.

Entscheidend ist es, eine Balance zu finden aus:

  • besonders gefährdete Menschen schützen, um Sterberaten gering zu halten
  • den Peak zu drücken, um das Gesundheitssystem und die Intensivmedizin nicht zu überfordern
  • eine Herdenimmunität zu erreichen, damit die Kurve der Erkrankten steil abfällt

Der Tübinger Epidemiologe rechnet demnach vor: Werden die aktuellen Maßnahmen gelockert, kann die große Welle anrollen und wir können dann noch einmal „richtig streng intervenieren, um die Kurve zu drücken“.

Zwischen den beiden Interventionen muss, dem Experten zufolge, eine Pause liegen, sonst verzögert auch die zweite Intervention wieder nur die Welle und unsere Maßnahmen müssen über eine zu lange Zeit aufrechterhalten werden.

Sein Gedankenspiel lässt sich im Simulator berechnen: Wenn die Erkrankungswelle schon stärker ausgeprägt ist, sollten wir also noch einmal drei Wochen lang Social-Distancing und Kontaktsperren praktizieren. Werden sie zu früh wieder gelockert, bevor genug Immune in der Bevölkerung sind, folgt ein weiterer kleiner Anstieg. Die Kurve sieht eher wie ein Kamelhöcker aus. Screenshot Covid-Simulator Werden strikte Maßnahmen in einer späteren Erkrankungswelle zu früh (hier nach 21 Tagen) wieder gelockert, bevor genug Immune in der Bevölkerung sind, folgt ein weiterer kleiner Anstieg. Die Kurve sieht eher wie ein Kamelhöcker aus. Die Darstellung zeigt lediglich die zweite Phase der Interventionen. Zwei Phasen mit Pause lassen sich aktuell noch nicht darstellen.

Ergebnis: Die Zahl der Infizierten fällt viel geringer aus als in Szenario 1 (Verschiebung des Peaks), etwa um die Hälfte und die Kurve ist breiter, also über mehr Tage verteilt. Es bleibt dennoch eine große Herausforderung für alle.

Ähnliches zeigt eine Modellrechnung des RKI, die untersucht, wie sich verschiedene Maßnahmen auswirken. Die Experten schreiben: „Je ‚erfolgreicher‘ wir sind (= je flacher die Kurve wird), umso länger müssen wir durchhalten, bevor ein substanzieller Teil der Bevölkerung aufgrund einer durchgemachten Infektion einen Immunschutz gegen Sars-CoV-2 erworben hat.“

Szenario 3: Kontaktverbot und Ausgangsbeschränkungen bleiben gültig

„Je stärker und früher wir intervenieren, desto weiter wird der Peak der Infektionen in die Zukunft geschoben“, erläutert der Epidemiologe.

Was bringt es: Wir gewinnen Zeit. Ungewiss ist allerdings, wie viel Zeit Wissenschaftler brauchen, um einen Impfstoff oder Medikamente gegen das neuartige Coronavirus zu entwickeln – in Massen herzustellen und für die Menschen bereitzustellen. „Darum ist das schlicht nicht durchzuhalten“, meint Eichner. Das möchte niemand und würde uns als Gesellschaft zerstören. Screenshot Covid-Simulator Diese Grafik zeigt den Extremfall, wenn wir die Maßnahmen ein Jahr lang aufrechterhielten.

So sieht es auch der Wirtschaftsweise Lars Feld: „Irgendwann werden wir zu einer personalisierten Isolierung übergehen müssen.“ Dann müssten die Geschäfte wieder öffnen, in Quarantäne blieben nur noch jene, die infiziert seien oder einer Risikogruppe angehörten. Spätestens im Mai müsse die medizinische Strategie überdacht werden.

Mehrere Millionen Menschen wegzusperren, sei nicht praktikabel, ergänzt Martin Eichner. Die Ideen, wie dieser Schutz der besonders Gefährdeten praktisch umzusetzen wäre, müssen erst noch entwickelt werden. Dementsprechend fordert der Epidemiologe Martin Eichner alle Wissenschaftler und Entscheidungsträger in Deutschland auf: „Wir müssen einen Weg finden, die Risikogruppen zu schützen, sodass das Leben weitergehen kann.“ Am besten wäre es, wenn sie isoliert werden und von Menschen versorgt werden könnten, die bereits immun sind.

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