Immer wieder Zweifel an seinen Praktiken: Das ist der Arzt, dem Donald Trump vertraut

Er ist seit zwei Jahren an der Seite des Präsidenten. Zu dieser Stunde entscheidet Leibarzt Sean Conley über die Gesundheit, womöglich das Leben des mächtigsten Mannes der Welt. Doch die Praktiken des Mediziners sind umstritten.

Die Welt hängt an seinen Lippen. Er ist der Mann, der die Wahrheit kennt. Der weiß, wie es wirklich um den US-Präsidenten steht: Sean Conley – der Leibarzt von Donald Trump.

Seit über zwei Jahren ist er an der Seite des US-Präsidenten, führt jährliche Routineuntersuchungen durch und überwacht seinen Gesundheitszustand. Trump hob ihn im März 2018 ins Amt, nachdem er seinen bisherigen Leibarzt Ronny Jackson zum Veteranenminister befördern wollte.

Conley ist gelernter Osteopath

Conley ist vierzig Jahre alt, wurde im Bundesstaat Pennsylvania geboren. Im Jahr 2006 machte er seinen Doktor am Philadelphia College of Osteopathic Medicine.

Ja, richtig. Während man bei der Behandlung einer Infektionskrankheit wie Covid-19 etwa einen Virologen oder Infektiologen am Bett des US-Präsidenten erwarten würde, handelt es sich bei Conley um keinen der beiden. Der Mediziner ist eigentlich Osteopath, sein ursprüngliches Fachgebiet fällt damit in den Bereich der Alternativmedizin. Osteopathie ist ein Gebiet der Medizin, in der Behandlung und Diagnostik nur mit den Händen stattfinden und so Beschwerden auf den Grund gegangen werden soll.

Marineoffizier, später Notarzt

Später ging Conley zur Marine, wurde Fregattenkapitän. Im Jahr 2013 ließ er sich am Naval Medical Center Portsmouth zum Notarzt ausbilden, arbeitete ab 2014 als Mediziner für das US-amerikanische Militär: Er war Notarzt bei der International Security Assistance Force am internationalen Flughafen Kandahar in Afghanistan.

Vor seiner Zuweisung zur medizinischen Abteilung des Weißen Hauses war er außerdem als Forschungsdirektor an der Abteilung für Notfallmedizin der Marine in Portsmouth tätig.

Gefährliche Nebenwirkungen: Conley verabreichte Trump Hydroxychloroquin

Schon vor Trumps Corona-Infektion geriet Conley in das Visier vieler Kritiker. Hatte er den US-Präsidenten doch offenbar dabei unterstützt, das umstrittene Malariamittel Hydroxychloroquin prophylaktisch gegen eine Corona-Infektion einzunehmen.

Das erklärte Donald Trump am 18. Mai, nachdem sich einer seiner Mitarbeiter angsteckt habe. Conley bestätigte am Tag darauf, dem Präsidenten das Medikament verabreicht zu haben.

Hydroxychloroquin ist in den USA neben Malaria auch zur Behandlung der Autoimmunkrankheiten Lupus und von Arthritis zugelassen. Seine Wirkung bei einer Covid-19-Erkrankung ist jedoch stark umstritten. So erwies es sich in mehreren Studien als wirkungslos, die FDA, die amerikanische Behörde für die Zulassung von Medikamenten warnte sogar vor der Einnahme: Das Mittel erhöhe das Risiko lebensgefährlicher Herzrhythmusstörungen. Die Notfallzulassung für das Mittel hatte die FDA schon nach einer Woche wieder zurückgenommen.

In einem späteren Schreiben erklärte Conley zwar, Trump habe sich selbst, trotz des Wissens um mögliche Nebenwirkungen dazu entschlossen, das Mittel einzunehmen.

  • Mehr zum Thema: Entscheidender Tag 5: Ab jetzt zeigt sich, wie schwer Trumps Corona-Verlauf wird

Erneut testet er ein "Wundermittel": Antikörper-Cocktail REGN-COV2

Dennoch: Auch heute, während der Präsident tatsächlich an Covid-19 erkrankt ist, erhält er ein vermeintliches Wundermittel – den experimentellen Antikörper-Cocktail REGN-COV2. Und dieser ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht einmal zugelassen.

Das Mittel des US-Pharmakonzerns Regeneron befindet sich derzeit noch in der Testphase. Der Wirkstoff ist eine Kombination aus zwei speziell entwickelten Antikörpern, die sich an das sogenannte Spike-Protein des Coronavirus binden und so dessen Struktur deformieren können.

Laut Hersteller ist das Mittel in der Lage, die Viruslast in den Lungen von Corona-Patienten reduzieren – außerdem soll die Kombination aus zwei speziell entwickelten Antikörpern verhindern, dass der Erregervirus Sars-CoV-2 mutiert. Damit soll das Mittel sowohl die Schwere als auch die Dauer der Erkrankung verringern. Dass das gelingt, ist wissenschaftlich bisher allerdings nicht erwiesen.

Experten übten Kritik daran, dass Trump ein noch nicht zugelassenes Arzneimittel verabreicht wurde. „Es ist schlechte Wissenschaft, schlechte Medizin und schlechte Ethik, mächtigen Leuten unerprobte Dinge zu geben, die man normalen Leuten nicht gibt“ , kritisierte etwa der Medizindozent Vinay Prasad von der Universität von Kalifornien in San Francisco.

Surftipp: Alle Neuigkeiten zur Corona-Pandemie finden Sie im News-Ticker von FOCUS Online 

Unklarheiten und Widersprüche: Keine klare Kommunikation  

Nicht nur seine medizinischen Praktiken geben Anlass zur Kritik. Seit Bekanntgabe der Corona-Infektion Trumps ist Conley derjenige, der die Welt auf dem Laufenden hält. Wirkt er in seinem weißen Arztkittel doch nicht nur wie der Arzt, sondern gleichermaßen wie der Sprecher des Präsidenten.

Doch gerade bei diesen Äußerungen kam es in den vergangenen Tagen zu großen Unstimmigkeiten; etwa in der Frage, wann der Präsident von seiner Infektion erfahren hatte. Trump selbst gab seinen Coronavirus-Test am Donnerstagabend (Ortszeit) bekannt und das positive Ergebnis kurz vor 01.00 Uhr in der Nacht zum Freitag.

Conley sagte allerdings am Samstagmittag auf einmal, die Diagnose sei nun 72 Stunden her. Das würde auf den Mittwoch hinweisen. Auf die Nachfrage von Reportern, wann Trump denn nun positiv getestet worden sei, erklärte der Leibarzt: „Am Donnerstagnachmittag haben wir nach Bekanntwerden eines engen Kontakts und klinischer Hinweise und etwas mehr Sorge einen Wiederholungstest durchgeführt.“ Was die „klinischen Hinweise“ waren, dazu machte er jedoch keine Angaben.

Zusätzlich sagte ein weiterer Arzt, der Präsident habe vor rund 48 Stunden ein Antikörper-Medikament bekommen – das würde Donnerstagmittag bedeuten, also noch vor dem Test, von dem der Präsident sprach.

  • Mehr zum Thema: US-Präsident Donald Trump wollte wegen Außenwirkung zunächst nicht in Klinik eingeliefert werden

Peinlicher (Schreib-)Fehler in offizieller Mitteilung

Nachdem die Aussagen massive Fragen aufwarfen, verbreitete das Weiße Haus eine schriftliche Stellungnahme des Leibarztes, in der er klarstellte, dass die Zeitangaben von 72 und 48 Stunden nicht korrekt gewesen seien und man jeweils einfach den dritten und den zweiten Tag gemeint habe.

„Der Präsident wurde erstmals mit Covid-19 am Abend des Donnerstags, 1. Oktober, diagnostiziert und bekam den ersten Antikörper-Cocktail von Regeron am Freitag, dem 2. Oktober“, hieß es abschließend.

 

Warum die Zeitfrage wichtig ist? Am Mittwoch nahm Trump noch an einem Treffen mit Spendern in Minnesota teil und absolvierte einen Wahlkampf-Auftritt vor mehreren tausend Anhängern. Am Donnerstag flog er zu einem Treffen mit Spendern in New Jersey. Sollte er das alles bereits mit dem Wissen eines positiven Tests gemacht haben, wäre das extrem unverantwortlich. Infizierte müssen in dieser Phase der Infektion davon ausgehen, hoch ansteckend zu sein.

Doch auch die Klarstellung des Mediziners erfolgte nicht ohne Fauxpas. Wer aufmerksam liest, dem fällt auf: Conley hatte den Herstellernamen falsch geschrieben. Anstatt „Regeron“ muss es „Regeneron“ heißen. Und damit nicht genug.

Bei dem Medikament handelt es sich um zwei monoklonale Antikörper – nicht wie beschrieben um polyklonale. Der Unterschied liegt auf der Ebene der Gensequenzen, mag für den Laien nicht ins Gewicht fallen. Einem, den Präsidenten der Vereinigten Staaten behandelnden und derzeit im Zentrum der Öffentlichkeit stehenden Mediziner sollte diese Fehler jedoch nicht passieren.

Bei den kritischen Fragen weicht Conley aus

Wann und wo sich der Präsident infizierte, wann er zuvor seinen letzten negativen Corona-Test hatte – dazu äußerte sich Conley überhaupt nicht. Auch in der weiteren Kommunikation über den Gesundheitszustand des US-Präsidenten zeigte sich sein Leibarzt weitgehend zurückhaltend. Er ging ausweichend auf kritische Punkte ein, etwa Fragen von Reportern, ob Trump während seiner Behandlung zusätzlich Sauerstoff verabreicht worden war. „Er bekommt jetzt keinen zusätzlichen Sauerstoff“, schränkte er immer wieder ein. 

Nach mehreren Nachfragen sagte der Leibarzt, dass Trump am Donnerstag ebenfalls keinen Sauerstoff bekommen habe – und „gestern mit dem Team, während wir alle hier waren, war er nicht an einer Sauerstoff-Versorgung“. Damit ließ er ausdrücklich die Möglichkeit offen, dass Trump am Freitagmorgen zusätzlichen Sauerstoff im Weißen Haus bekommen haben könnte.

Unterdessen bestätigte Trumps Stabschef Mark Meadows, dass die Coronavirus-Infektion bei Trump einen schwereren Verlauf genommen hatte als zunächst dargestellt. „Gestern waren wir wirklich besorgt“, sagte Meadows am Samstagabend im TV-Sender Fox News. „Er hatte Fieber, die Sauerstoffsättigung seines Bluts war rapide gefallen.“

Wie auch die New York Times berichtete, habe das die Ärzte dazu veranlasst, ihm zusätzlichen Sauerstoff zu verabreichen und ihn ins Walter-Reed-Krankenhaus zu verlegen.

Dass Trump „von Donnerstag auf Freitag“ erhöhte Temperatur gehabt habe, räumte der Leibarzt schließlich noch ein. Seit Freitagmorgen sei er aber fieberfrei. Wie hoch sein Fieber sei, wollte Conley jedoch nicht verraten.

Sehen Sie im Video: „Nächste Tage sind die wahre Prüfung“: Corona-Kranker Trump sendet neues Video

FOCUS Online/Wochit Sehen Sie im Video: „Nächste Tage sind die wahre Prüfung“: Corona-Kranker Trump sendet neues Video  

Wie steht es wirklich um den Präsidenten?

Abgesehen von der Medikation scheint es vor allem seine Kommunikation zu sein, die Kritiker an Sean Conley zweifeln lässt. Dass der Leibarzt nicht offen über eine womöglich schweren Verlauf des Präsidenten sprechen will, mag wohl damit zusammenhängen, dass Trump das Virus und die Erkrankung während der bisherigen Pandemie stehts heruntergespielt hatte – nach eigenen Worten, um „Panik“ im Land zu verhindern. Kritiker werfen ihm dagegen vor, er habe inmitten des Wahljahres 2020 in erster Linie die Wirtschaft schützen wollen.

Trump trug so gut wie nie eine Gesichtsmaske und hielt zuletzt Wahlkampfveranstaltungen vor tausenden Teilnehmern ab. Erst am Donnerstag beschwor er vor Anhängern in New York das nahende Ende der Pandemie und sagte, das nächste Jahr werde „eines der besten in der Geschichte unseres Landes“ sein.

Conley erklärte zwar, Trump sei „noch nicht über den Berg“ – die Mediziner jedoch „vorsichtig optimistisch“. Bisher behält der Präsident weiterhin die Kontrolle über die Amtsgeschäfte. Ob das weiterhin möglich ist, selbst wenn sich sein Zustand verschlechtert, wird sich zeigen. Ob und wann Sean Conley die Welt darüber informiert, ebenfalls.

Sehen Sie im Video: Frau will mit Haien im Wasser posieren – und bereut ihre Entscheidung sofort

FOCUS Online/Wochit Sehen Sie im Video: Frau will mit Haien im Wasser posieren – und bereut ihre Entscheidung sofort  

Quelle: Den ganzen Artikel lesen