Long Covid: Symptome, Risikofaktoren, Behandlungsmöglichkeiten – ein Stand der Dinge

Viele, die eine Covid-19-Erkrankung überstanden haben, gelten zwar als genesen, gesund sind sie aber nicht. Sie leiden weiterhin an Symptomen, sind auch Wochen und Monate nach der Infektion ständig erschöpft und müde, kurzatmig, haben Schmerzen. Long Covid kennt viele Ausprägungen, ist schwer zu diagnostizieren und die Behandlung schwierig. Forschende arbeiten unter Hochdruck daran, mehr über die Spätfolgen herauszufinden. Ein Überblick über die wichtigsten Fragen.

Ab wann wird von Long Covid gesprochen?

Sind die Symptome vier Wochen nach der Infektion mit Sars-COV-2 noch nicht verschwunden, spricht man von Long Covid. Unterschieden wird in drei Phasen:

  • Akutes Covid-19: Nach der Infektion halten die Symptome bis zu vier Wochen an
  • Anhaltend symptomatisches Covid-19: Auch vier bis zwölf Wochen nach der Infektion bestehen die Symptome weiter
  • Post-Covid-19-Syndrom: Weiterhin Symptome nach mehr als zwölf Wochen 
  • Long Covid: Entwickelt ein Corona-Patient vier Wochen nach der Infektion weitere Symptome, spricht man von Long Covid, sowie wenn die Symptome länger als vier Wochen anhalten.

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Wer bekommt Long Covid?

Studien zeigen inzwischen, dass ein großer Teil der Infizierten in der Folge unter Langzeitschäden leidet. Wobei Menschen, die schwer an Covid-19 erkrankten, deutlich häufiger von Langzeitfolgen betroffen zu sein scheinen, so das Robert Koch-Institut. Erwischen kann es aber auch Menschen mit sehr milden und milden Krankheitsverläufen. Eine Studie eines Kölner Forscherteams fand heraus, dass etwa eine von zehn Menschen, die gar keine oder nur geringe Corona-Symptome hatten, auch Monate nach der akuten Erkrankung noch Symptome mit sich herumschleppten, wie Müdigkeit und Atembeschwerden. Betroffen waren auch junge Menschen ohne Vorerkrankungen. 

Auffällig ist, dass Frauen öfter unter Langzeitfolgen zu leiden scheinen. Bei einer Kohortenstudie mit 1000 Genesenen, stellten Forschende des Infektionszentrums der Uniklinik Köln fest, dass Frauen doppelt so oft von Langzeitsymptomen betroffen waren als  Männer. Auch Medizinerin Carmen Scheibenbogen schließt sich dieser Beobachtung an. Im Gespräch mit dem "Deutschlandfunk" sagte sie: "Autoimmunerkrankungen entwickeln eher die jüngeren oder mittelalten Menschen, und dazu passt auch, dass Frauen sehr viel häufiger betroffen sind, weil Frauen meistens ein aktiveres Immunsystem haben und deswegen auch leichter Autoimmunerkrankungen entwickeln."

Eine Studie des King's College, die im "Nature Medicine" veröffentlicht wurde, fand zudem heraus, dass das Risiko an Long Covid zu erkranken mit zunehmendem Alter und einem höheren Body-Mass-Index anstieg. Ein weiteres Indiz könnte die Menge an Symptomen sein, die während der akuten Krankheitsphase auftraten. Waren es mehr als fünf der typischen Symptome in der ersten Krankheitswoche, führte das im Nachgang zu Long Covid. Zudem litten Menschen, die im Krankenhaus behandelt werden mussten, häufiger an Langzeitfolgen. 

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Und auch Kinder sind betroffen. Eine kanadische Studie, die kürzlich vorgestellt wurde, hat die Daten von mehr als 10.500 Kindern ausgewertet, die sich nachweislich mit Sars-CoV-2 infiziert hatten. Demnach kämpfen etwa sechs Prozent nach einer Infektion mit langanhaltenden Beschwerden. Kinder, die im Krankenhaus behandelt werden mussten, waren demnach doppelt so häufig von Long Covid betroffen, als solche mit milderen Krankheitsverläufen. Eine besonders gefährliche Folgeerkrankung bei Kindern ist PIMS (Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome). Es tritt meist erst Wochen nach der Infektion auf, die in der Regel unauffällig verlief. Dabei handelt es sich um eine Entzündungskrankheit, bei der sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper zu richten scheint und unter anderem zu hohem langanhaltendem Fieber, Bauchschmerzen und Durchfall.

Wie viele Menschen sind betroffen?

Da unterschiedliche Studien den Anteil der Covid-19-Erkrankten, die an langfristigen Auswirkungen leiden, sehr unterschiedlich schätzen, könne der tatsächliche Anteil, schreibt das RKI  "noch nicht verlässlich geschätzt werden". "Von den als genesen Erklärten haben noch etwa 15 Prozent mit den unterschiedlichsten Symptomen zu kämpfen," sagte aber Andreas Rembert Koczulla von der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) zur "DPA". Die Zahl der Menschen mit Langzeitfolgen liege bei bundesweit 550.000. 

Was sind die Symptome von Long Covid?

Die Liste der Symptome von Long Covid ist lang. Zu den häufigsten Symptomen zählten Kopfschmerzen, Müdigkeit, Atemprobleme, Gedächtnisprobleme und Konzentrationsstörungen.  Aber auch Kreislaufprobleme wie Herzrasen, Schlafstörungen, Schmerzen, Lärm- und Lichtempfindlichkeit gehören dazu. Mittlerweile bekannt ist, dass sich die Schäden über den ganzen Körper verteilen können. So wurden Langzeitfolgen an Geweben und Organen festgestellt. "Quarks" zitiert aus einer Studie, wonach bei fast 70 Prozent der Untersuchten vier Monate nach der Infektion mindestens eine Organschädigung entdeckt worden war. Bei einem Viertel waren sogar mehrere Organe beeinträchtigt. Betroffen waren alle Organe, die sogenannte ACE2-Zellrezeptoren aufweisen.

Lungenprobleme zählen zu den häufigsten Long-Covid-Symptomen. Hat das Virus Lungengewebe geschädigt, kann das dazu führen, dass sie sogenannte Diffusionsfähigkeit abnimmt und weniger Sauerstoff in die Blutbahn gelangt. Die meisten Menschen zeigten jedoch keine Anzeichen dauerhafter oder langanhaltender Lungenschäden, schreibt die medizinische Fachzeitschrift "BMJ" . Es sei wahrscheinlich, dass nur Personen mit einem hohen Risiko für die Entwicklung von Atembeschwerden, einschließlich älterer Menschen, Personen mit akutem Atemnotsyndrom sowie Personen mit längeren Krankenhausaufenthalten und Personen mit vorbestehenden Lungenanomalien, dazu neigten, fibrotische Veränderungen im Lungengewebe zu entwickeln.

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Covid-19 kann auch das Herz schädigen. Hinweise dazu fanden beispielsweise Forschende von der Universitätsklinik Frankfurt. Sie untersuchten die Herzen von 100 genesenen Patienten. Dabei wurden bei drei von vier Patienten Herzschäden festgestellt – ungeachtet von Vorerkrankungen oder dem Schweregrad der Covid-19-Infektion. Zu den häufigsten Entdeckungen zählten eine verminderte Pumpleistung, Herzmuskelentzündungen, Herzbeutelentzündungen und vernarbtes Herzgewebe.

Doch ein Symptom sticht aus der Unzahl von Symptomen heraus. Das Fatigue-Symptomen wird in vielen Studien als häufigstes Symptom benannt. Es beschreibt einen Zustand anhaltender Müdigkeit, Erschöpfung und Antriebslosigkeit, der nicht mit Schlaf zu bewältigen ist

Wie lange bleibt Long Covid?

Eine Forschergruppe des Universitätsklinikum Heidelberg ist der Frage nachgegangen. Im Rahmen einer Studie hat das Team 96 Teilnehmende, deren Corona-Erkrankung mindestens fünf Monate zurück lag, über mehrere Monate beobachtet. Dabei stellte sich heraus, dass sich ein Großteil der Teilnehmenden auch ein Jahr nach der Virus-Infektion nicht komplett erholt hatte, rund 73 Prozent litt weiterhin an den Nachwirkungen der Erkrankung. Dabei machten mehr als der Hälfte der Betroffenen verminderte körperliche Leistungsfähigkeit (56,3 Prozent) und Müdigkeit (53,1 Prozent) zu schaffen. Aber auch Kurzatmigkeit, Konzentrationsprobleme, Wortfindungsstörungen und Schlafprobleme gehören zu den häufigsten Symptomen.

Bei der Studie handelt es sich mit knapp 100 Teilnehmenden um eine relativ kleine, darunter sind viele Betroffene, die schwer an Covid-19 erkrankt waren. Bei diesen wird das Risiko von Langzeitschäden höher eingeschätzt, als bei denen, die nur milde oder mittelschwere Krankheitsverläufe hatten. 

Was sind die Behandlungsmöglichkeiten?

Die Therapie orientiere sich an den Symptomen. Für eine spezifische Therapie gebe es bislang noch keine wissenschaftlich belastbaren Belege, ist in einer Leitlinie zu Post-/Long-Covid, die mehrere Fachgesellschaften kürzlich gemeinsam veröffentlichten, nachzulesen. So sind darin sowohl Diagnostikempfehlungen wie Therapieoptionen für diverse Symptome aufgeführt wie Fatigue, Riechstörungen,  kardiologische, neurologische und psychiatrische Aspekte.

Die Forschenden arbeiten derzeit an einer Vielzahl verschiedener Behandlungsansätze. Die Sauerstofftherapie ist eine davon. Dabei kommen Druckkammern zum Einsatz. Die Patienten und Patientinnen atmen in diesen etwa zwei Stunden täglich mehrere Wochen lang reinen Sauerstoff. Erste Behandelte würden von positiven Effekten sprechen, erklärte der Leiter des Druckkammerzentrums in Aachen, Dr. Ullrich Siekmann, dem "WDR". Allerdings ist der Ansatz noch wenig erprobt, mehrere Studien laufen.

Eine weitere Möglichkeit der Behandlung sehen Mediziner in der Blutwäsche. Bei der sogenannten "HELP-Apherese" wird dabei das Blut ähnlich einer Dialyse von schädlichen Substanzen befreit. Bei Menschen, die Schlaganfälle oder Herzinfarkte hinter sich haben, und denen mit anderen Medikamenten nicht geholfen werden kann, kommt die Blutwäsche bereits zum Einsatz. Auch bei Long-Covid-Patienten wurde das Verfahren schon angewandt.

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