Man kann so ein Virus im Labor erzeugen, wenn man will

Wo kam das Coronavirus Sars-Cov-2 her? Die Antwort ist politisch heikel. Eine WHO-Untersuchung vor Ort in Wuhan hält einen Laborunfall für „extrem unwahrscheinlich“. Eine Gruppe von Wissenschaftlern sieht das anders. Sie kritisieren die WHO-Ergebnisse und fordern neue Ermittlungen.

Noch immer ist der Ursprung des Corona-Ausbruchs in Wuhan nicht endgültig geklärt. Als weitgehender wissenschaftlicher Konsens gilt die Zoonose, wonach Sars-Cov-2 von einem Tier auf den Menschen übergesprungen ist. Zu diesem Ergebnis kommen auch die Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO), die nach langem Tauziehen mit China in Wuhan zum Ursprung forschten.

Der "wahrscheinlichste Weg" der Übertragung auf den Menschen sei von Fledermäusen ausgehend über ein anderes Tier als Zwischenwirt, erklärte WHO-Teamchef Peter Ben Embarek bei der anschließenden Pressekonferenz im Februar. Einen Laborunfall hielten die WHO-Experten dagegen für "extrem unwahrscheinlich".

Möglichkeit eines Laborunfalls: In offenem Brief neue Untersuchung gefordert

"Wenn es auch nur eine Restwahrscheinlichkeit gibt, die einen Laborunfall möglich erscheinen lässt, muss man das doch testen", betont Günter Theißen, Lehrstuhlinhaber für Genetik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, im Gespräch mit "ntv". Theißen ist Mit-Unterzeichner eines offenen Briefs verschiedener Wissenschaftler, der unter anderem von der "New York Times" am Donnerstag veröffentlicht wurde.

Die Unterzeichner fordern darin eine neue, umfassende Untersuchung zum Virusursprung. Die Ermittlungen im Auftrag der WHO halten sie aufgrund des starken Einflusses Chinas für "keine gründliche, glaubwürdige und transparente Untersuchung". An der WHO-Untersuchung waren neben den 17 internationalen Wissenschaftlern auch 17 chinesische direkt beteiligt. Man sei von den Informationen der chinesischen Behörden abhängig gewesen und alle Ergebnisse hätten von beiden Teams genehmigt werden müssen, heißt es in dem Brief weiter. Die wissenschaftliche Aussagekraft sei entsprechend "stark beeinträchtigt".

Theißen betont im Gespräch mit "ntv": "Wir wollen damit keine Vorurteile schüren, sondern einfach nur wissen, wie es war. Und da gibt es eben viele Möglichkeiten. Aber wir haben nicht den Eindruck, dass das derzeit wirklich vorurteilsfrei wie bei einem Kriminalfall in alle Richtungen ermittelt wird."

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Suche nach Ursprung ist politisch heikel

Das Problem: Die Suche nach der Herkunft des Erregers gilt als politisch heikel, da China befürchtet, als Schuldiger für die Pandemie angeprangert zu werden. Wäre das Virus tatsächlich aus einem Labor entwichen, könnten Entschädigungsforderungen weltweit drohen.

Theißen sagt dazu: "Wir haben viele Hinweise darauf, dass die Zoonose-Hypothese favorisiert wird, weil sie wahrscheinlich die politisch unverfänglichste ist." Die Pandemie hätte damit eine natürliche Ursache – und "es gäbe niemanden, der direkt oder indirekt verantwortlich wäre". Er betont: "Auch nach einem Jahr gibt es noch keine sichere Evidenz, dass Covid-19 eine Zoonose ist." Er selbst hält die Labor-Hypothese für wahrscheinlicher. Insbesondere weil in Wuhan an Coronaviren geforscht wurde.

"Man kann so ein Virus im Labor erzeugen, wenn man will"

Das Wuhan-Institut für Virologie (WIV) sammelt und bearbeitet Virusproben und forscht dabei auch mit Coronaviren von Fledermäusen. "Dort haben sie diese Viren auch genetisch verändert und in menschliche Zellen eingebracht, um zu sehen, wie diese sich darin verhalten", behauptet Theißen. Und: "Man kann so ein Virus im Labor erzeugen, wenn man will."

Doch wie soll das Coronavirus dann an die Öffentlichkeit geraten sein? Theißen könne sich vorstellen, dass sich ein Mitarbeiter durch Unachtsamkeit infiziert hat. Womöglich ohne Symptome und ohne es selbst zu merken.

Theißen und seine Mit-Unterzeichner fordern eine neue, umfassende Untersuchung des Ursprungs. Und das möglichst bald. "Ich denke, die Wahrheit wird früher oder später ans Licht kommen. Es ist nur so, dass es lange dauern kann. Wenn entscheidende Menschen nicht kooperieren, dauert es vielleicht zu lange, und wir haben schon die nächste Pandemie", warnt er.

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