Mein liebes Tagebuch

Das E-Rezept und sein kommender Rollout – vergesst es, so wird’s nichts. Das meint zumindest ein Informatiker, der selbst in dieser Branche tätig ist. Ob’s so kommt? Die Digitalisierung jedenfalls ist nicht mehr wegzudenken, wir sollten sie mehr nutzen – sagen die Gesundheitsminister auf ihrer Konferenz. Und die Bayerische Apothekerkammer wird sich in einem Ausschuss um Telepharmazie und digital vernetzte Arzneiformen kümmern. Gut so! Weniger gut: Schnelltests gibt’s nicht mehr für alle kostenlos und die Teststellen bekommen weniger pro Test. Vielleicht hilft das Wort zum Sonntag aus Hamburg: „Die Apotheken brauchen einen Inflationsausgleich beim Festzuschlag.“ Endlich! 

20. Juni 2022

Über Personalmangel klagen die Apotheken schon lange, gefühlt schon weit länger als zehn Jahre. Zwar wurde das Problem immer wieder mal auf Kammerversammlungen und Apothekertagen angesprochen. Ab und an hat auch mal die eine oder andere Kammer eine kleine Aktion zur Nachwuchsgewinnung durchgeführt und ein paar Plakate gedruckt. Auch so manche Apothekenkooperation versuchte junge Menschen für die Apotheke zu begeistern, vor Speeddatings machte man keinen Halt. Und sogar im Ausland ging man auf Suche, mit wechselndem Erfolg, um den Personalbedarf für deutsche Apotheken zu decken. Nicht zuletzt hat der Apothekertag beschlossen, dass ein Nachwuchskonzept erarbeitet werden soll – aber beschlossen heißt eben noch lange nicht gemacht. Also kurzum, mein liebes Tagebuch, so ein richtig spritziges Konzept, um den Nachwuchs für die Apothekenberufe zu begeistern, ist sichtlich noch nicht um die Ecke gekommen – der Personalmangel wird Jahr für Jahr schlimmer. 10.000 Fachkräfte werden in absehbarer Zeit fehlen, so die Prognose. Immerhin, auf Kammerversammlungen in den letzten Wochen spitzten so einige neue Gedanken zur Nachwuchsgewinnung um die Ecke, insbesondere für den PTA-Beruf. Aber unmittelbar auf den Weg gebracht ist auch da noch nichts. Jetzt meldet sich der Nachwuchs, der Bundesverband der Pharmaziestudierenden Deutschland (BPhD) zu Wort. Sein Hilfsangebot und Vorschlag: Nachwuchsförderung für und mit denen, die es betrifft. Also, warum nicht diejenigen in die Ideensuche miteinbeziehen, die es betrifft! Der BPhD: „Wir sind hier und stehen bereit!“ Den Studierenden ist natürlich klar, dass sie auch nur eine Idee davon haben, wie das Leben nach der Approbation tatsächlich aussieht. Aber, wie sie selbst sagen, haben sie eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie ihr Einstieg in und die Vorbereitung (Ausbildung) auf das Leben als approbierte Kraft aussieht und besser aussehen könnte. Mein liebes Tagebuch, wie wahr! Vielleicht sollte man auf welcher Ebene auch immer eine Art Task Force bilden mit dem BPhD, die den Auftrag hat, rasch nach Lösungen zur Nachwuchsgewinnung zu suchen. Hand in Hand mit dem Nachwuchs.

 

Desaströs, Karren im Sumpf, veraltete technologische Basis, gravierende technische Mängel utopische Fantasieziele, alles einreißen und neu bauen – das sind Worte von Jochen Brüggemann über – ja, mein liebes Tagebuch, richtig geraten – über das E-Rezept und seine bevorstehende Einführung. Ja, und wer ist Herr Brüggemann, dass er sich das zu sagen traut? Dass er sogar ein komplettes Scheitern der E-Rezept-Einführung für nicht ausgeschlossen hält? Brüggemann ist Informatiker, hat bei verschiedenen E-Health-Unternehmen gearbeitet. Und er ist Gründer und geschäftsführender Gesellschafter der Red Medical Systems (das ist das Unternehmen mit der Konnektorenfarm). Im DAZ.online-Interview hält er mit seiner Meinung übers E-Rezept und der Digitalisierungs-Euphorie nicht hinterm Berg und lässt wenig bis nichts Gutes am E-Rezept-Status quo. Man könnte seine Prognose auch so zusammenfassen: So wie das E-Rezept und sein Rollout geplant sind, wird’s nichts. Denn bei vielen Beteiligten, die mit dem E-Rezept arbeiten müssen (Ärzte, Apotheker), fehlt es nach Brüggemann an drei Formen von Anreizen: Geld, Geld und nochmals Geld. Auch was die Telematik-Infrastruktur und die in der Tat zum Teil bereits überholte Technik betrifft, dürfte er so falsch nicht liegen. Man kann ihm also sicher bei einigen Argumenten und Prognosen durchaus zustimmen. Und dass vielleicht im Hintergrund auch ein klein bisschen das Wohl und das Know how seiner Firma der Vater seiner vernichtenden E-Rezept-Prognose sein mag – möglich. Ob aber das Risiko besteht, dass die Einführung von E-Rezept, elektronische Patientenakte & Co komplett scheitert? Oder anders gefragt: Wer glaubt, dass wir im Juni 2023 noch immer zu mehr als 50 Prozent mit dem rosa Rezept auf Papier arbeiten?

 

Bei der Bekanntheit und Nutzung von Bestellplattformen für Arzneimittel gibt’s noch ein Menge Luft nach oben, wie eine aufschlussreiche Umfrage des Bundesverbands der Arzneimittelhersteller (BAH) zeigt. Gefragt wurde beispielsweise nach der Bekanntheit und Nutzung von Plattformen wir ihreapotheke.de, gesund.de, mein-apothekenmanager.de, außerdem nach den Lieferdienst-Plattformen First A, Mayd und anderen. Ergebnis: Übermäßig bekannt sind die Plattformen noch lange nicht: 20% der online Befragten geben an, Bestellplattformen für Arzneimittel zu kennen und zu nutzen, 30% kennen diese Möglichkeiten, haben sie aber noch nicht genutzt. Und knapp jeder Vierte kennt diese Plattformen nicht, würde sie in Zukunft gerne nutzen und ein Fünftel kennt sie nicht und will sie auch nicht nutzen.

Wie aus der Umfrage auch hervorgeht, ist die Plattform ihreapotheken.de vom Zukunftspakt Apotheke (bei der u.a. die Noweda und der Burda-Verlag vertreten sind) am bekanntesten, gefolgt von gesund.de (von Phoenix und Noventi). Die Plattform des Deutschen Apothekerverbands mein-apothekenmanager.de steht erst auf Platz drei. Die Arzneimittellieferdienste sind dagegen weniger bekannt und werden auch nur von wenigen Menschen genutzt. Unterschiede gibt es allerdings auch in den Altersgruppen. So ist beispielsweise das Potenzial bei den 30- bis 39-jährigen besonders groß: 40 Prozent der Befragten dieser Altersgruppe kennen die Bestellplattformen und nutzen diese. Was die Umfrage auch zeigt: Mit zunehmendem Alter der Befragten sinkt die Bekanntheit der Plattformen – mit einer Ausnahme: In der Gruppe der 60-Jährigen ist ihreapotheken.de erstaunlich gut bekannt, 41% dieser Altersgruppe gaben an, diese Arzneimittel-Bestellplattform zu kennen. Vermutlich ist dies darauf zurückzuführen, dass diese Plattform über ihre eigene Apotheken-Kundenzeitschrift „My Life“ beworben wird und das Angebot somit über die Apotheke präsent ist. Mein liebes Tagebuch, man wird diesen Markt beobachten müssen, da kann sich noch viel bewegen – in beide Richtungen.

Übrigens, die BAH-Umfrage hatte auch nach dem Interesse von pharmazeutischen Dienstleistungen gefragt. Die Umfrage, die im März (also noch vor Bekanntwerden der offiziellen Dienstleistungsangebote) stattfand, ergab ein relativ großes Interesse an Messungen (z. B. Blutdruck), an einer Beratung beim Arzneimittelkauf, an Gesundheits- und Pflegetipps und an einer Medikationsanalyse. Mein liebes Tagebuch, man wird sehen, wie die nun ausgehandelten pharmazeutische Dienstleistungen, wenn sie denn angeboten werden, wahrgenommen werden. Interesse in der Bevölkerung ist wohl da.

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