RKI empfiehlt offenbar Krankenhausaufenthalte als zusätzlichen Leitindikator

Zur Einordnung des Pandemiegeschehens in Deutschland will das Robert-Koch-Institut (RKI) einem Medienbericht zufolge die Hospitalisierung (also die Krankenhausaufenthalte) als zusätzlichen Leitindikator empfehlen. Das berichtete die "Bild" unter Berufung auf eine interne Präsentation des RKI. Eine solche Praxis würde eine Abkehr vom Inzidenzwert als wichtigste Kennzahl der Corona-Politik bedeuten. Das RKI wollte sich zu dem Bericht auf Anfrage des stern nicht äußern. Generell sei eine Veröffentlichung des Strategie-Papiers für Herbst/Winter im Juli geplant gewesen, hieß es.

Es seien "weiterhin mehrere Indikatoren zur Bewertung notwendig, aber die Gewichtung der Indikatoren untereinander ändert sich", hieß es laut "Bild" in dem RKI-Papier. Das Institut begründet die Hinzunahme der Hospitalisierung demnach mit den "Konsequenzen zunehmender Grundimmunität". 

Corona-Risikogebiet


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Insgesamt vier Indikatoren wichtig

Dem Bericht zufolge rechnet das RKI mit einer "Abnahme des Anteils schwerer Fälle" und fordert daher einen "stärkeren Fokus auf die Folgen der Infektion", darunter schwere Erkrankungen mit Hospitalisierung, Todesfälle und langfristige Folgen. "Weitgehende nicht-pharmakologische Interventionen für alle" seien fachlich schwer begründbar – außer bei drohender systematischer Überlastung des Gesunheitswesens, zitiert die "Bild" aus der RKI-Präsentation.

Ein Papier des RKI vom Juni mit dem Namen "ControlCOVID" beschreibt einen Stufenplan und Perspektiven zur Rücknahme von Corona-Maßnahmen im Zusammenhang mit der Impfkampagne bis zum September dieses Jahres. Dabei werden vier Indikatoren zur Einordung der epidemischen Lage auf lokaler Ebene genannt: die 7-Tage-Inzidenz, die wöchentliche Inzidenz hospitalisierter Fälle unter den über 60-Jährigen, der Anteil der Kontaktpersonen, die nachverfolgt werden können und der Anteil intensivmedizinisch behandelter Covid-19-Fälle an der Gesamtzahl der betreibbaren Intensiv-Bettenkapazität. Letzterer Indikator wird als "Leit-Indikator" aufgeführt.

Auf Grundlage dieser Indikatoren werden vier Stufen für die Verhängung bzw. Lockerung von Corona-Schutzmaßnahmen genannt. Weiter schreibt das RKI: "Bei der Neueinstufung soll ein führender Leitindikator in Kombination mit den anderen Hilfsindikatoren betrachtet werden." Dabei sei bei einer "Eskalation" die 7-Tage-Inzidenz der führende Leitindikator und bei einer "De-Eskalation" die Belegung der Intensivbetten.

Hans fordert Abkehr von Inzidenz

Zusammenfassend heißt es in dem RKI-Papier: "Gemäß den Annahmen der Modellierung lassen die hier vorgestellten Ergebnisse erwarten, dass die in ControlCOVID vorgeschlagenen Öffnungsschritte im Kontext der fortschreitenden Impfkampagne zu keinem unkontrollierten Infektionsgeschehen in Deutschland führen werden, sofern sie wie in der Strategie vorgeschlagen und zu den angenommenen Zeitpunkten vorgenommen werden, die Impfkampagne in angenommener Weise voranschreitet und sich keine Varianten durchsetzen, die den Impfschutz effektiv unterlaufen."

Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) forderte im ZDF eine Abkehr von der Inzidenz als einzigen Faktor. "Ich glaube, dass es ganz wichtig ist, dass wir in diesem Herbst nicht alleine auf die Inzidenz starren", sagte er am Montag im ZDF-Morgenmagazin. Stattdessen solle man auf die Belastung des Gesundheitswesens blicken. Auch halte er ein erneutes Ziehen der "Bundesnotbremse" ab einer Inzidenz von 100 für "falsch": "Ich sehe auch nicht, dass das kommt", sagte Hans, der weitere Lockerungen der Corona-Maßnahmen fordert. Dennoch dürfe man nicht sorgenfrei sein.

Gesundheitsministerium: 7-Tage-Inzidenz „bleibt wichtiger Parameter“

Das Bundesgesundheitsministerium wies am Montag darauf hin, dass die sogenannte 7-Tage-Inzidenz auch weiterhin berücksichtigt werden werde. "Die Inzidenz war nie einziger Parameter, um das Pandemiegeschehen zu beurteilen. Aber sie ist und bleibt ein wichtiger Parameter", teilte ein Sprecher mit. Richtig sei aber auch, dass die Inzidenz bei steigender Impfquote an Aussagekraft verliere, fügte der Sprecher hinzu. Zumal dann, wenn die besonders vulnerablen Gruppen bereits geimpft seien. So hatte sich Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bereits mehrfach geäußert, zuletzt am Wochenende.

Deshalb sollen künftig weitere Daten stärker berücksichtigt werden. Das Bundesgesundheitsministerium hatte am Wochenende bekanntgegeben, dass die Kliniken mehr Details zu Covid-19-Fällen melden sollen. Neben der Belegung von Intensivstationen müssen alle Krankenhauseinweisungen wegen Corona übermittelt werden, zuzüglich Alter, Art der Behandlung und Impfstatus der Patienten. Die entsprechende Verordnung dazu solle zügig auf den Weg gebracht werden, hieß es am Sonntag aus dem Ministerium.

Die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz lag am Sonntag bei 6,2. Auch wenn die Corona-Fallzahlen derzeit niedrig sind, gibt die Ausbreitung der besonders ansteckenden Delta-Variante Anlass zur Sorge. Zuletzt hatte das RKI mitgeteilt, dass die zuerst in Indien festgestellte Variante nun für mehr als 50 Prozent aller Ansteckungen mit dem Coronavirus in Deutschland verantwortlich ist.

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