Umgang mit Sars-CoV-2: Erkenntnisse aus Italien: „Das war der Punkt, an dem wir nervös wurden“

Maurizio Cecconi ist italienischer Intensivmediziner und Leiter des „Covid-19 Lombardy ICU Network“. Gemeinsam mit seinen Kollegen zieht er in einer jetzt veröffentlichten Studie ein erstes Fazit. Darin teilt er nicht nur wichtige Erkenntnisse, sondern hat auch eine Bitte an alle Menschen.

Die Lombardei zählt zu den am stärksten vom neuartigen Coronavirus betroffenen Gebieten Italiens. Mehr als 14.600 Menschen sind allein in der Region in Norditalien erkrankt, von etwa 28.000, die es im kompletten Land sind (Stand: 17.3.2020).

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Einen Schlüsselmoment hatten die Mediziner am 20. Februar. An diesem Tag hat sich ein erster Patient in einer Notaufnahme in Codogno in der Provinz Lodi vorgestellt. Er habe zu keiner Risikogruppe gehört: er war jung und ohne Vorerkrankungen. Doch als er auf die üblichen Behandlungsmethoden für Lungenentzündungen nicht reagierte, seien die Ärzte hellhörig geworden: „Italien hat genau beobachtet, was zu diesem Zeitpunkt in China und dem Rest der Welt passierte“, erinnert sich der Intensivmediziner Maurizio Cecconi aus Mailand im Interview mit JAMA-Chefredakteur Howard Bauchner.   
 

Schnell habe man den Patienten auf das neuartige Virus getestet – positiv. Die Erkenntnisse aus den bisherigen Fällen in der Lombardei veröffentlichte der Mediziner gemeinsam mit zwei Kollegen nun im Fachmagazin „Jama“.

„Das war der Punkt, an dem wir nervös wurden“

Noch am selben Tag seien in den Intensivstationen der Lombardei mehrere weitere Fälle aufgetreten, und zwar 36 in nur 24 Stunden, ohne Zusammenhang zum ersten Patienten. „Das war der Punkt, an dem wir nervös wurden“, sagt Cecconi. Denn zu diesem Zeitpunkt sei ihnen klar geworden, dass das Virus schon im Umlauf sein musste und eine „weitere Ausbreitung wahrscheinlich“ war.

Dann sei alles Schlag auf Schlag gegangen. Innerhalb nur eines Tages bildete man eine Task Force aus Mitgliedern von Regierung und Gesundheitsbehörde: Das „Covid-19 Lombardy ICU Network“, dessen Leiter Cecconi wurde.

Erkenntnisse nach einem Monat Corona-Krise

In ihrer jetzt veröffentlichten Studie zeigen Cecconi und seine Kollegen nicht nur, wie sie reagiert haben, sondern teilen auch ihre bisherigen Erkenntnisse mit der Öffentlichkeit.   
 

So haben sie beobachten können, dass Kinder nur selten von einem schweren Verlauf betroffen sind, sie seien „die absolute Ausnahme“. Wieso das so ist, habe man noch nicht herausgefunden.

Eine weitere gute Nachricht haben die Mediziner: Viele der schwer kranken Patienten, die teilweise auch über einen längeren Zeitraum beatmet wurden, hätten sich wieder erholt – darunter auch „Patient 1“.

Mediziner empfiehlt Schutz der Mitarbeiter – und hat wichtigen Appell an alle

Für den Italiener stehe der Schutz des medizinischen Personals an erster Stelle. Für die besonderen Umstände habe man spezielle Sechs-Stunden-Schichten eingerichtet, während derer die Mitarbeiter weder essen, noch trinken oder auf die Toilette gehen dürfen.

Im Moment könne man in der Lombardei noch jedem Patienten, der ein Bett auf der Intensivstation benötigt, ein solches anbieten. Damit das so bleibt, hat der Mediziner einen wichtigen Appell: „Wir dürfen die Situation nicht unterschätzen. Das ist keine normale Grippe. Das hier ist ernst!“  

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Er richtet seine Worte an jeden Bürger, der derzeit in einem Risikogebiet lebt. Jeder solle Isolierungs- und andere Maßnahmen einhalten, um die Ausbreitung des Virus möglichst zu verlangsamen.

Sein Appell gilt aber auch den Betreibern von Krankenhäusern. Diese fordert er auf, bereits vor einem möglichen Ausbruch von Covid-19 ihre Notfallkapazitäten hochzufahren und sich mit den Abläufen in solchen Fällen vertraut zu machen – denn ist der Ausbruch erst einmal erfolgt, sei es dafür zu spät.

In der Lombardei gab es zum Zeitpunkt des Ausbruchs Kapazitäten für 720 Notfallpatienten. Innerhalb der ersten 18 Tage habe man diese um 482 Betten erweitert.

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