Unterschätztes Berufsrisiko: Warum Pflegekräfte so häufig Opfer sexueller Übergriffe werden

Es gibt Momente, die sich unauslöschlich in unsere Erinnerung einbrennen. Einer dieser Momente erfüllt Anna* bis heute mit Wut. Es war ein Arbeitstag wie so viele andere. Ein Patient saß vor ihr auf dem Bett. Sie zog ihn aus. Bevor sie wusste, was ihr geschah, streichelte der Mann ihre Arme, legte seine Hände auf ihre Hüfte. „Das machen Sie gut, Kleines“, sagte er zu ihr. Der Ausdruck in seiner Stimme jagte ihr einen Schauder des Ekels über den Rücken. „Ich war so perplex, dass ich zunächst kein Wort herausgebracht habe. Der Mann auf dem Nachbarbett verfolgte die Situation auch nur mit großen Augen“, erzählt sie. Von ihm war also keine Hilfe zu erwarten. Nach ein paar Augenblicken gelang es Anna, sich zu fassen. Abrupt wich sie zurück und stutzte den Mann vor ihr zurecht. Dass sie jemanden, der mindestens 40 Jahre älter ist, maßregeln musste, kann sie immer noch kaum fassen.

Anna ist 21 Jahre alt und hat im vergangenen Oktober in einem Uniklinikum ihre Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin begonnen. Nur ein halbes Jahr ist seitdem vergangenen. Doch schon jetzt scheinen sexuelle Belästigungen durch Patienten für sie zum beruflichen Alltag zu gehören. „Ich habe schon von so vielen Freundinnen und Kolleginnen ähnliche Geschichten gehört. Und noch schlimmere. Ein Patient präsentierte einmal einer Pflegeschülerin seine entblößte Erektion. Er wolle ihr seine Liebe zeigen, sagte er.“

Großes Tabu

Anna ist mit ihren Erfahrungen nicht allein. Eine Studie der Gesundheitspsychologin Claudia Depauli ergab vor wenigen Jahren, dass 67 Prozent der Pflegekräfte bereits Opfer sexueller Belästigung geworden sind. In einer Umfrage des Gesundheitsportals „Medscape“ berichtete ein Drittel des Pflegepersonals von sexuellen Übergriffen durch Patienten – und das allein im Laufe der vergangenen drei Jahre. Auch eine Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigte, dass Mitarbeiter im Gesundheits- und Sozialwesen besonders stark von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz betroffen sind. In einer Studie der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege berichteten mehr als 90 Prozent der rund 1600 befragten Beschäftigten über verbale und 70 Prozent über körperliche Gewalterlebnisse. 

Häusliche Gewalt

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„Tatsächlich gibt es nur wenige konkrete Zahlen zu dem tatsächlichen Ausmaß des Problems. Aber wenn man fragt, gibt es so gut wie keine einzige Frau, die nicht von Übergriffen und Belästigungen zu berichten wüsste“, sagt Gabriele Tammen-Parr in einem Interview mit dem stern. Die Diplom-Sozialpädagogin ist Gründerin von „Pflege in Not“, einer Berliner Beratungsstelle bei Konflikten und Gewalt in der Pflege. Seit Jahren versucht sie, Sensibilität und Bewusstsein für dieses Thema zu schaffen. Sie kenne auch Fälle, in denen Männer zum Ziel von Übergriffen geworden sind. Aber dies komme sehr selten vor.

Den Grund für die mangelhafte Datenlage sieht Tammen-Parr vor allem in der Tabuisierung des Themas. „Sexuelle Übergriffe werden erschreckenderweise oft als zum Arbeitsalltag bzw. Krankheitsbild dazu gehörend hingestellt. Da wird gerne schon mal über Täter, die sich Handgreiflichkeiten erlauben, gesagt: Ach, der macht es immer so. Frauen, die über unerwünschte Annährungsversuche klagen, wird geraten, sich doch gefälligst professionell zu benehmen und zu lernen, damit umzugehen.“ Den Betroffenen werde unterstellt, entweder nicht professionell genug oder zu empfindlich zu sein. „Das führt zu noch mehr Verunsicherung und Selbstzweifel, sodass die Opfer lieber schweigen“, beklagt Tammen-Parr.

„Ich hatte Angst, als Mimose abgestempelt zu werden“

Es entsteht eine gefährliche Schweigespirale. Aus Angst vor Kritik und Unverständnis werden Fälle sexueller Belästigung nicht gemeldet. Und so kämpft jede Betroffene einen Kampf, in dem sie sich allein wähnt. Je mehr Opfer schweigen, desto schwieriger wird es, für einzelne Betroffene das Schweigen zu brechen.

Auch Anna schwieg. „Ich hatte Angst, als Mimose abgestempelt zu werden. Ich fürchtete, zu hören, dass der Patient einfach ein älterer Mann ist, der mich nett findet. So wird oft argumentiert“, erzählt sie. Also habe sie sich eingeredet, dass nichts besonders Schlimmes vorgefallen ist. „Ich weiß, dass es dumm ist. Aber in dem Augenblick konnte ich mich nicht überwinden, einem Vorgesetzten von dem Vorfall zu erzählen.“ Sie wüsste in ihrem Krankenhaus auch von keiner Anlaufstelle, an die man sich wenden könnte. Und wie man sich in solchen Situationen verhält, habe ihr auch niemand erklärt. „Ich weiß von vielen solcher Fälle, die nie gemeldet wurden. Die Mädchen haben Angst, nicht ernst genommen zu werden, auf eine andere Station verlegt zu werden oder gar ihren Job zu verlieren.“

Die Diplom-Sozialpädagogin ist Gründerin von „Pflege in Not“, einer Berliner Beratungsstelle bei Konflikten und Gewalt in der Pflege. Träger ist das Diakonische Werk Berlin Stadtmitte e.V.

Warum Pflegekräfte einem besonderen Risiko ausgesetzt sind

Aber warum kommt es so häufig zu sexueller Belästigung von Pflegekräften? Experten sehen dafür vor allem zwei Ursachen. Zum einen haben die Täter nur selten Folgen zu befürchten. Viele Arbeitgeber wollen schlichtweg keine Kunden verlieren, schreibt etwa das Altenpflegemagazin. Zum anderen fühlen sich die Täter durch die Nähe zu ihren Pflegekräften befähigt, Grenzen zu überschreiten, die sie unter anderem Umständen wahren würden.

Begegnungen gehen in der Pflege mit intimen Momenten einher. Die Beteiligten kommen sich teilweise körperlich sehr nahe. Umkleiden, Frisieren, Waschen, Hilfe beim Toilettengang – viele Aufgaben erfordern einen engen Kontakt. Für Täter ist es einfach, diese Momente für Übergriffe auszunutzen. Manche Patienten versuchen etwa unter einem Vorwand, die Pflegenden zu Berührungen im Intimbereich zu bewegen. Mit Aufforderungen nach genaueren Untersuchungen oder besonderen Pflegewünschen maskieren sie ihren Wunsch nach sexueller Befriedigung.

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In der Studie von Psychologin Depauli schilderte eine Pflegerin einen Fall, der sie besonders erschüttert hat. „Während einer Intimpflege bei einem alten Mann hat er kontinuierlich anzügliche Bemerkungen über die Situation gemacht. Dazu kam, dass er eine Druckstelle am Hoden hatte, die laut Verordnung mit einer Creme eingecremt werden musste. Beim Eincremen hat er meine Hand an seinen Penis gedrückt und gesagt ‚Mach mal, das ist doch schön für uns beide! Keine Angst, meine Kleine‘ – ich empfand die Situation als so abstoßend und ekelig, dass ich noch Wochen danach eine Wut ihm gegenüber spürte.“

In der ambulanten Pflege kommt es besonders oft zu schweren Fällen sexueller Übergriffe. „Hier sind oft Jüngere betroffen als in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen“, erklärt Tammen-Parr die Situation. Zudem suchen die Pflegekräfte die Patienten hier in ihrem Zuhause auf. Sie erinnert sich an einen Fall, bei dem die Pflegerinnen regelrechte Angst hatten, die Wohnung des Patienten zu betreten. „Der Mann war Ende 40 und ziemlich fit. Bei der für ihn zuständigen Einrichtung war es allgemein bekannt, dass er zudringlich wird. Die Pflegerinnen betraten seine Wohnung nur, nachdem sie Kollegen anriefen und sie am Telefon mithören ließen. Damit im Notfall eingegriffen werden konnte.“

„Man muss sein eigenes Unbehagen ernst nehmen“

Für Tammen-Parr ist dieser Fall ein Paradebeispiel dafür, wie in der Branche mit sexueller Belästigung umgegangen wird. „Alle wissen es, aber tun wenig.“ Führungskräfte seien oft überfordert, wenn Übergriffe gemeldet werden.

„Das Thema wird in der Krankenpflege fast gar nicht thematisiert. Es kocht nur hoch, wenn es mal einen konkreten Fall gibt. Dabei liegt es in der Verantwortung der Arbeitgeber, ihre Mitarbeiter zu sensibilisieren und auf solche Situationen vorzubereiten“, so Tammen-Parr. „Die Führungskräfte müssten signalisieren, dass das Problem eben existiert und auch ernst genommen wird.“

Bitte helfen Sie Opfern häuslicher Gewalt. Stiftung stern e.V. leitet Ihre Spende an Frauenschutz- und Beratungs-Verbände in Deutschland weiter. Stiftung stern e.V. – IBAN DE90 2007 0000 0469 9500 01 – BIC DEUTDEHH – Stichwort: sicherheim. Mehr Infos unter www.sicherheim.org

#sicherheim ist eine Aktion der UFA, der Agentur „Die Botschaft“ sowie der ­Bertelsmann Content Alliance, zu der neben der UFA auch die Mediengruppe RTL, RTL Radio Deutschland, die ­Verlagsgruppe Random House, die BMG und der Verlag Gruner + Jahr gehören, in dem der stern erscheint.

Hier sei vor allem eins gefragt: Prävention. „Bundesweit gibt es kaum Fortbildungsangebote für das Thema sexuelle Belästigung in der Pflege“. Für die Sozialpädagogin ist dies ein nicht hinnehmbarer Zustand. „Es ist essenziell, dass die Einrichtungen ihre Mitarbeiter schützen. Jeder muss wissen, wie er sich in einer unangenehme oder gar gefährlichen Lage verhält.“ Denn ausgerechnet in Extremsituationen gelinge es den Betroffenen nur selten, entschieden zu handeln.

„Die wichtigste Botschaft sollte stets lauten: Man ist sein eigener Maßstab“, sagt Tammen-Parr. Wo sexuelle Belästigung beginnt, definiere jeder einzelne für sich selbst. „Das eigene Unbehagen sollte man ernst nehmen, auch wenn die Kolleginnen andere Maßstäbe haben“, appelliert sie. Vor allem verbale Belästigung sollte sehr ernst genommen werden und diese sofort durchaus deutlich zurückgewiesen werden. „Und wenn Patienten, trotz Ermahnung, übergriffig werden, dann müssen die Einrichtungen eben auch bereit sein, auf einen Kunden zu verzichten.“

Das Drei-Schritte-Verhaltensmodell

Die Brisanz des Themas hat auch die Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) erkannt. Die gesetzliche Unfallversicherung für nicht staatliche Einrichtungen unterstützt ihre Mitgliedsbetriebe bei der Prävention von Gewalt und Aggression. „Die entsprechenden Angebote reichen von Informationsmaterialien über Seminare für Führungskräfte bis hin zur Ausbildung von Deeskalationstrainerinnen und -trainern“, sagt Diplom-Psychologin Claudia Vaupel vom BGW dem stern. Sie stellt klar: „Gewaltprävention gehört zum Arbeitsschutz. Unternehmen müssen Strukturen beziehungsweise Konzepte entwickeln, die Beschäftigte vor sexueller Gewalt schützen und die Nachsorge derer sicherstellen.“ Kein Arbeitnehmer, keine Arbeitnehmerin müsse Gewalt, Übergriffe und Beleidigungen hinnehmen.

„Unternehmen können ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am besten vor Aggression und Gewalt schützen, wenn sie das Thema angemessen in der gesetzlich vorgeschriebenen Gefährdungsbeurteilung berücksichtigen“, so Vaupel. Wenn die Beschäftigten von ihrer Einrichtung gut auf kritische Situationen und den Umgang mit Gewalt vorbereitet seien, hätten sie ein geringeres Risiko, Gewalt zu erleben.

Kommt es zu einem Vorfall empfiehlt die BGW den betroffenen Personen ein Drei-Schritte-Verhaltensmodell:

Sexuelle Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz müsse aber vor allem auch transparent gemacht werden, erklärt Vaupel weiter. „Das heißt, zu allererst dem Vorgesetzten melden. Weitere Ansprechpersonen können Betriebsärzte, Sicherheitsfachkräfte oder die betriebliche Interessenvertretung sein.“ Ganz wichtig sei es, dass die Betroffenen sich für die sexuelle Belästigung und Gewalt nicht selbst schämen sollten. „Gerade in pflegerischen Berufen besteht die Tendenz Gewaltereignisse zu bagatellisieren oder zu tabuisieren, da sie vermeintlich zum Beruf gehören. Einige Beschäftigte denken, hätte ich das richtige pädagogische Konzept angewandt, wäre das nicht passiert. Sie empfinden die erlebte Situation als ihr eigenes Versagen.“ Umso wichtiger sei es, dass Führungskräfte die Beschäftigten ernst nehmen und eine klare Position gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz einnehmen. 

Anna hat ihrerzeit den Übergriff, der ihr so lebendig in Erinnerung geblieben ist, nicht gemeldet. Heute bereut sie es. „Ich würde allen Frauen empfehlen, jeden Vorfall ernst zu nehmen. Sagt dem Patienten ins Gesicht, dass ihr nichts hinnehmen werdet, was für euch unangenehm ist. Es darf einfach nichts sein, dass Frauen weiter alles verschweigen!“

*Name von der Redaktion geändert. 

#sicherheim ist eine Aktion der UFA, der Agentur „Die Botschaft“ sowie der ­Bertelsmann Content Alliance, zu der neben der UFA auch die Mediengruppe RTL, RTL Radio Deutschland, die ­Verlagsgruppe Random House, die BMG und der Verlag Gruner + Jahr gehören, in dem der stern erscheint. Mehr unter sicherheim.org.

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