„Wir haben zu viele Apotheken in Deutschland“

Was bedeutet die Digitalisierung für die Apotheken? Nicht weniger als einen radikalen Umbruch, meint der Gesundheitsökonom und Digitalisierungsfachmann Professor David Matusiewicz. Die anstehende Marktbereinigung, die eine spürbare Reduktion der Apothekenzahlen mit sich bringen wird, werden seiner Einschätzung nach nur jene Betriebe überleben, die bereit sind, sich völlig neu zu erfinden.

Die Apotheke als reiner Umschlagsplatz für Arzneimittel hat ausgedient. Davon zeigt sich der Gesundheitsökonom und Digitalisierungsexperte Professor David Matusiewicz von der FOM Essen im Gespräch mit der DAZ überzeugt. In nicht allzu ferner Zukunft werden Medikamente aus dem 3D-Drucker kommen – „dann lässt sich kein Geld mehr damit verdienen, Packungen über den HV-Tisch zu schieben“. Die Konkurrenz aus dem Internet wird das Übrige tun, meint er. Überleben wird die digitale Transformation auf Dauer nur, wer bereit ist, sich neu zu erfinden. Wer sich jetzt schon gegen die Einführung des E-Rezepts sträubt, dem räumt der Professor kaum Zukunftschancen ein.

Dass nicht alle Betriebe diesen Wandel überstehen werden, quittiert er mit einem Schulterzucken. „Wenn ich Apotheker wäre und eh in drei Jahren in Rente gehen wollte, hätte ich da vielleicht auch keine Lust mehr drauf.“ Darin sieht er auch gar kein Problem. „Wir haben ohnehin zu viele Apotheken in Deutschland“, sagt Matusiewicz.

„Wer jetzt pennt, wird es schwer haben“

Die kommenden Jahre werden für eine Marktbereinigung sorgen, erwartet er, und zwar im Sauseschritt. Denn die Digitalisierung wird rasant Einzug halten ins Gesundheitswesen – mit allen Konsequenzen. „Wir befinden uns in einer Entwicklungsphase, die exponentiell verläuft“, erklärt der Gesundheitsökonom. „Die Apotheker dürfen nicht den Fehler machen, das, was in den vergangenen fünf Jahren passiert ist, linear auf die Zukunft zu projizieren. Das, was uns in den kommenden fünf Jahren erwartet, wird mehr sein als in den vergangenen zwanzig Jahren geschehen ist.“ Klar ist für ihn: „Wer jetzt pennt, wird es schwer haben.“

Was bleibt nach diesem radikalen Schnitt? In Matusiewicz‘ Vision gibt es zwei Welten, die digitale und die physische, die sich im Apothekenwesen oftmals überschneiden werden. „Wir müssen weg von diesem Schwarz-Weiß-Denken, dass entweder alles digital oder alles analog sein muss“, sagt der Fachmann. „Es wird vereinzelt weiterhin die Apotheke als Tante-Emma-Laden geben, wie sie vor 50 Jahren schon aussah, aber auch große Unternehmen, die sich ausschließlich im digitalen Raum tummeln – und eben ganz viele Geschäftsmodelle irgendwo dazwischen.“

Starbucks-Prinzip für Apotheken?

Der Trend bei den Präsenzapotheken werde hingehen zu großen Betrieben in großen Verbünden – auch wenn dem aktuell das Mehrbesitzverbot noch entgegensteht. Die Personalsituation werde diese Entwicklung noch beschleunigen. „Junge Ärzte und Apotheker wollen nicht mehr viel investieren in ihre Praxis oder ihren Betrieb“, gibt Matusiewicz zu bedenken. Sie wünschten sich eine gewisse Flexibilität, geregelte Arbeitszeiten und idealerweise eine Vier-Tage-Woche – als Selbstständige mit einer kleinen Apotheke ist das nicht machbar. „Es gibt bereits Start-ups, die eine Art Starbucks für Ärzte anbieten. Der Mediziner ist angestellt und kommt morgens in eine fertige Praxis, die von Dritten betrieben wird. So etwas könnte man grundsätzlich auch im Apothekensektor etablieren.“

Und welche Rolle werden DocMorris, Shop Apotheke und Co. spielen? Ein Teil des Rx-Geschäfts wird in den Versandhandel abwandern, prognostiziert der Gesundheitsökonom. Doch für die Arzneimittelversender mindestens so wichtig wie die Einnahmen durch das Beliefern von Rezepten sei eine zweite Währung: Daten. „Über Datenprofile lassen sich Customer Journeys aufbauen, über die sich nicht verschreibungspflichtige Mittel sehr gut mitverkaufen lassen. ‚Kunden, die Vitamin D kauften, interessieren sich auch für Vitamin K‘ – solche Vorschlagssysteme sind Gold wert.“

Vorsprung durch Vertrauen

Doch auch im digitalen Raum wird Platz sein für Angebote der Präsenzapotheken. Denn sie haben sich über Jahrzehnte das Vertrauen ihrer Kundinnen und Kunden erarbeitet – und das Vertrauen der Menschen ist im Internet begrenzt. „Wenn die Apotheken es schaffen, dieses Gut mitzunehmen in die digitale Welt, ist das enorm viel wert. Wenn sie das geschickt nutzen und gute Services anbieten, ist das ein großer Vorteil auch gegenüber Google, Apple und Amazon, die sich derzeit verstärkt im Gesundheitsmarkt breitmachen.“ Zu lange warten, um mit entsprechenden Angeboten aufzuwarten, dürfen die Apotheken aber nicht, warnt Matusiewicz. „Die Branche hat den Start der Entwicklung verschlafen. In den vergangenen Jahren war die Taktik der Apothekerschaft eher, das Internet schlecht zu machen, als selbst zu gestalten – das muss sich jetzt schnell ändern. Die Verbände haben es verstanden, die jungen Apotheker haben es verstanden und der Rest wird letztlich rauswachsen.“

Bei der Telepharmazie etwa sieht er Potenzial sowohl für Versender als auch die Vor-Ort-Betriebe – dass es gelingen wird, solche Angebote fest an die stationären Apotheken zu koppeln, glaubt der Digitalisierungsexperte nicht. „Es wird sich ein Angebot endogen aus den bestehenden Strukturen heraus entwickeln“, sagt er. „Aber auch exogen werden Anbieter in den Markt drängen. DocMorris hat ja kein Wachstumsproblem, sondern der Engpass ist aktuell, genug PTA zu finden, die im Callcenter sitzen.“

Lesen Sie im zweiten Teil, welche Aufgaben die Präsenzapotheken aus Matusiewicz‘ Sicht in Zukunft übernehmen könnten.

Zur Person 

David Matusiewicz Ökonom und Professor für Medizinmanagement an der FOM Hochschule. Seit 2015 verantwortet er als Dekan den Hochschulbereich Gesundheit & Soziales und leitet als Direktor das Forschungsinstitut für Gesundheit & Soziales (ifgs). Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich des Gesundheitsmanagements bzw. Medizinmanagements und der Gesundheitsökonomie. Darüber hinaus unterstützt er als Gründer bzw. Business Angel technologie-getriebene Start-ups im Gesundheitswesen. Matusiewicz ist in verschiedenen Aufsichtsräten (Advisory Boards) sowie Investor von Unternehmen, die sich mit der digitalen Transformation des Gesundheitswesens beschäftigen.

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