Cholesterinsenker: Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie auch den Nocebo

Wer ein Medikament nimmt, profitiert nicht nur von der Wirkung des Inhaltsstoffes, sondern möglicherweise auch vom Placebo-Effekt – einer gesundheitlichen Verbesserung, die nicht auf die spezifische Wirkung der Tablette zurückzuführen ist.

Neue Medikamente müssen sich in Studien entweder gegen ein etabliertes Mittel oder gegen ein Placebo – also wirkstofffreie Tabletten – behaupten. Denn man weiß: Allein durch medizinische Betreuung und die Einnahme eines Mittels fühlen sich Menschen mitunter schon besser. Außerdem wird erst durch den Vergleich mit einem Placebo klar, wie gut ein Medikament den natürlichen Verlauf einer Krankheit beeinflusst.

Der unschöne Gegenpart des Placebos

Der Placebo-Effekt hat jedoch einen weniger schönen Gegenpart, Nocebo genannt. Denn die Einnahme von Medikamenten kann ja nicht nur nutzen, sie kann auch schaden, weil sie Nebenwirkungen mit sich bringt. Beim Nocebo-Effekt schlägt die negative Erwartung dieser unerwünschten Nebenwirkungen zusätzlich zu Buche.

In einer ausgeklügelten Studie haben britische Forscherinnen und Forscher nun für einen ausgewählten Fall beziffert, wie stark sich dieser Nocebo-Effekt auswirken kann. Die Studie wurde von der britischen Herzstiftung finanziert und im Fachblatt «NEJM» veröffentlicht.

Das Team um Frances Wood und James Howard vom Imperial College London rekrutierte 35 Männer und 25 Frauen, die bereits ein sogenanntes Statin eingenommen hatten, es aber abgesetzt hatten, weil in den ersten zwei Wochen Nebenwirkungen aufgetreten waren. Statine senken den Cholesterinwert im Blut, sie werden zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Krankheiten eingesetzt.

Statin, Placebo, keine Tablette

Die Probanden erhielten für ein gesamtes Jahr zwölf Tabletten-Packungen, für jeden Monat eine. Diese enthielten entweder ein Statin, ein wirkstofffreies Placebo oder nichts. Jeden Monat bekamen sie mitgeteilt, welche Packung sie nehmen sollten, wobei sie Statin und Placebo nicht voneinander unterscheiden konnten. Eindeutig waren nur die vier Monate, in denen sie keine Tabletten nahmen.

Alle Teilnehmenden wurden gebeten, täglich per Smartphone durchzugeben, welche Nebenwirkungen sie erlebten und wie stark diese auf einer Skala von 0 (nicht vorhanden) bis 100 (schlimmstmöglich) waren. Sie konnten außerdem die Tabletteneinahme in einem Monat abbrechen, wenn sie die Nebenwirkungen als zu störend empfanden.


Das Ergebnis zeigt, dass in dieser ausgewählten Gruppe der Nocebo-Effekt eine sehr große Rolle spielte: In den Monaten ohne Tabletten lag die Symptomschwere im Schnitt bei 8,0. In Monaten, in denen ein Statin genommen wurde, stieg sie auf 16,3 – mit Placebo-Tablette aber lag sie ebenfalls hoch, bei 15,4. Die Betroffenen hatten also mit dem Placebo fast genauso viele Beschwerden wie mit dem Statin.

Knapp die Hälfte der Teilnehmenden brach mindestens einmal die Einnahme innerhalb eines Monats vorzeitig ab, weil sie die Nebenwirkungen unerträglich fanden, insgesamt passierte dies in der Studie 71-mal: 40-mal war es tatsächlich das Statin, dessen Einnahme abgebrochen wurde, immerhin 31-mal das Placebo.

«Beschwerden nicht von Statinen verursacht»

«Die Studie zeigt deutlich, dass Menschen zwar verschiedene Beschwerden haben, die sie auf ihre Statin-Einnahme zurückführen, aber dass die Stärke der Beschwerden nicht höher ist als während der Einnahme eines Placebos», sagt der klinische Epidemiologe Liam Smeeth von der London School of Hygiene and Tropical Medicine, der nicht an der Studie beteiligt war. «Das zeigt, dass Beschwerden zwar oft auftraten, aber nicht von den Statinen verursacht wurden.»

Einige der Probandinnen und Probanden, die zuvor schon eine Statin-Einnahme abgebrochen hatten, änderten durch die Untersuchung ihre Einstellung: Die Hälfte von ihnen nahm sechs Monate nach Studienende wieder ein Statin. Vier weitere sagen, dass sie dies planten.

Zwar kann die Studie nicht so verallgemeinert werden, dass sie etwas über den Nocebo-Effekt im Zusammenhang mit anderen Medikamenten – oder auch mit Statinen allgemein – aussagen kann. Aber sie zeigt eindrücklich, dass er zumindest unter diesen Umständen sehr stark war.

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