Corona: Die Impf

Ärztliche Versorgung nach einer Impfung an der Universität Potsdam (im Juli)

Mitten im zweiten Jahr der Coronapandemie steht Deutschland als eines von wenigen reichen Ländern vor einem Luxusproblem: Es sind mehr Impfstoffdosen vorhanden als impfbereite Menschen.

Während auf dem afrikanischen Kontinent aktuell weniger als zwei Prozent der Menschen vollständig geimpft sind – aufgrund von Impfstoffmangel –, redet man in Deutschland darüber, wie gut man eine Bratwurst als Impfanreiz findet und ob es vertretbar wäre, Schnelltests bald von den Menschen bezahlen zu lassen, die sie vorlegen müssen: also freiwillig Ungeimpften.

Abhängig von der Lage könnten nicht Geimpfte darüber hinaus von bestimmten Veranstaltungen ausgeschlossen werden oder nicht mehr in die Gastronomie, lautet ein Plan des Bundesgesundheitsministeriums. Das ist eine harte Ansage.

Mein Kollege Benjamin Knaack sieht darin eine Impfpflicht durch die Hintertür. Statt in Richtung Normalität zu steuern, treibe man neue Sündenböcke durchs Land – jetzt eben jene, die sich nicht impfen lassen. Weil man ihre Ängste abtue, würden sie sich vom Staat, schlimmstenfalls von der Demokratie, abwenden. Indirekten Zwang oder massiven Druck auf sie auszuüben, sei eine schlechte Idee.

Man kann es allerdings ebenso skandalös finden, wenn die Allgemeinheit weiter für die Schnelltests jener zahlen müsste, die sich nicht impfen lassen wollen. Oder wenn, falls neue Kontaktbeschränkungen nötig sein sollten, allein aus Solidarität auch die Geimpften wieder auf vieles verzichten müssten.

Das wichtigste Werkzeug, aber nicht das einzige

Die Impfungen sind das wichtigste Werkzeug gegen die Pandemie, aber sie sind nicht das einzige. Hygieneregeln, Maskenpflicht, Schnelltests, Kontaktbeschränkungen, digitaler und Wechselunterricht, Homeofficepflicht, Ausgangssperren – die Palette ist ebenso lang wie größtenteils unerfreulich. Wer für sich die Impfung aus freien Stücken ausschließt, muss eben andere Schutzmaßnahmen einhalten, bei denen Geimpfte es entspannter angehen können.

Die Entscheidung für oder gegen das Impfen ist zwar persönlich, die Folgen aber sind nicht nur auf die Einzelperson beschränkt. Deshalb ist es nachvollziehbar, dass der eigene Entschluss gesellschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen kann, sobald alle ein niedrigschwelliges Impfangebot hatten und genug Zeit verstrichen ist, um daraus eine vollständige Impfung werden zu lassen. Einfache Impfmöglichkeiten sind dabei enorm wichtig: ohne Termin, direkt in der Nachbarschaft, beim Einkaufen, wo auch immer – wer zunächst wegen der komplizierten Terminvergabe oder aus anderen Gründen keine Impfung in Anspruch nahm, soll sie spätestens jetzt ohne solche Hürden angeboten bekommen.

Ebenso wichtig ist, die Schnelltests weiter all jenen zu zahlen, die sich (noch) nicht impfen lassen können: Kinder unter zwölf Jahren, für die bislang kein Impfstoff zugelassen ist, 12- bis 17-Jährige, für die es aktuell keine allgemeine Stiko-Empfehlung zur Impfung gibt, Erwachsene, die aus medizinischen Gründen nicht geimpft werden können.

Solidarität hat immer Grenzen, darauf pochen auch Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen. Sie nehmen eine höhere Krankheitslast in Kauf und damit auch das Leid anderer, das auf ihre Entscheidung folgen kann. Dass sie andere Menschen anstecken können, die sich vielleicht gar nicht impfen lassen können oder dürfen, ist für sie kein hinreichendes Argument für die Impfung.


Da Solidarität also nicht grenzenlos ist, ist es kein Unding, wenn Schnelltests nicht mehr von der Allgemeinheit übernommen werden. Alle anderen Kosten werden ja weiter solidarisch getragen: Wer ohne Impfung an Covid-19 erkrankt und ins Krankenhaus muss, wird das nicht aus eigener Tasche zahlen müssen, und das ist auch gut so. Man darf sich beim Skifahren das Bein brechen oder sich durch Rauchen die Lunge zerstören, und die Kosten trägt das Kassensystem – zur freien Entfaltung gehört auch die Freiheit, unvernünftig oder sehr risikofreudig zu sein.

Allerdings zeigt schon das Rauchen, dass eine Gesellschaft auch nicht alles erlauben muss, sonst würde man heute noch in öffentlichen Verkehrsmitteln, gemeinschaftlichen Büros und Restaurants qualmen dürfen, was aber – Stichwort Nichtraucherschutz – untersagt ist. Und Infektionskrankheiten haben leider noch eine andere Dynamik als Zigarettenrauch.

Wie die vierte Coronawelle in Deutschland verlaufen wird, hängt wesentlich von der Impfquote ab. Weil die Delta-Variante leider ansteckender ist als frühere Formen des Virus, inklusive Alpha, lässt sie sich selbst in einer zu großen Teilen schon geimpften Bevölkerung schwer eindämmen, und auch Geimpfte können sich anstecken und das Virus weitergeben – mit geringerer Wahrscheinlichkeit als nicht Geimpfte, aber es ist möglich.

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Die vierte Welle wird im Wesentlichen eine der Ungeimpften

Bei allen Diskussionen über Durchbruchinfekte darf man sich nicht täuschen: Ungeimpfte sind bei Weitem gefährdeter als Geimpfte, schwer an Covid-19 zu erkranken. Die vierte Welle wird deshalb vor allem in den Krankenhäusern zu einem relevanten Teil eine der nicht Geimpften.

In den USA, wo knapp die Hälfte der Bevölkerung vollständig geimpft ist und weitere acht Prozent einmal geimpft sind, sind aktuell in verschiedenen Bundesstaaten mehr als 99 Prozent der Menschen, die an Covid-19 sterben, und 97 Prozent der Covid-19-Kranken in Kliniken nicht geimpft, wurde bei einem Pressetermin im Weißen Haus bekannt gegeben.

Diese Krankheits- und Todesfälle wären zum allergrößten Teil vermeidbar gewesen durch Impfungen, jeder einzelne ist eine Tragödie. Wenn man bedenkt, wie sicher und wirksam die Coronaimpfungen sind, ist es traurig mitanzusehen, dass Menschen aus dem Leben gerissen werden, die diesen Schutz ausgeschlagen haben. Die Gesellschaft in den USA, ebenso wie in Deutschland, akzeptiert diese Krankheits- und Todesfälle als das kleinere Übel, weil die Alternative eine Impfpflicht wäre. Es gibt ja gute Gründe gegen eine Impfpflicht.

In Deutschland muss man die eben genannten Prozentzahlen mit dem übergeordneten Ziel der hiesigen Pandemiebekämpfung verknüpfen. Das lautete immer: Das Gesundheitssystem nicht überlasten. In diesem Rahmen, sorry, das klingt jetzt zynisch, aber so machen wir das eben, wurde immer in Kauf genommen, dass Menschen schwer erkranken und sterben, solange die Krankenhäuser klarkommen. Das wird auch in der vierten Welle so sein. Man kann deshalb hoffen, dass wir ohne härtere Maßnahmen durch den nächsten Herbst und Winter kommen. Versprechen kann das niemand. Deshalb muss die Politik lieber jetzt planen, was dann im Herbst im Notfall greifen soll, anstatt wie im vergangenen Jahr erst zu handeln, wenn es längst zu spät ist.

Die Pandemie ist leider nicht vorbei, nur weil wir uns das alle kräftig wünschen oder weil jeder hierzulande ein Impfangebot hatte, aber nicht unbedingt angenommen hat. Das wäre sie auch nicht bei einer Impfquote von 100 Prozent in Deutschland. Dann könnten wir zwar deutlich entspannter auf den Herbst und Winter blicken. Aber solange die weltweite Impfkampagne durch Impfstoffknappheit schleppend läuft, hat das Virus weiterhin global Chancen, sich zu verbreiten und zu mutieren. Auch hier kann man aufs Glück hoffen, dass schon keine noch bedrohlicheren Varianten entstehen. Sich darauf vorzubereiten, wäre aber besser.

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