Schlaganfall, Bluthochdruck, Demenz drohen: Zu wenig Schlaf gefährdet deine Gesundheit

Schlaf ist so wichtig wie Essen und Trinken. Er ist das wichtigste Regenerations- und Reparaturprogramm des Menschen. Und Schlaf ist nicht nur für die Gesundheit entscheidend, sondern auch ein Wirtschaftsfaktor. Daher brauchen wir in Deutschland dringend eine neue Schlafkultur, sagt Schlafexperte Hans-Günter Weeß.

Noch immer gilt: Wer wenig schläft, ist tüchtig, fleißig und dynamisch. Diejenigen, die für ausreichend Schlaf sorgen, bezeichnen wir hingegen als „Schlafmützen“, „Schnarchnasen“ oder verweisen sie darauf, dass die Konkurrenz schließlich auch nicht schläft. Deutschland schätzt den Schlaf viel zu wenig. Eine ausgeschlafene Gesellschaft wäre gesünder, leistungsfähiger und würde zu besseren Entscheidungen kommen. Denn Schlaf ist für etliche Vorgänge im Körper enorm wichtig:

Im Schlaf verbrauchen wir nahezu so viel Energie wie am Tage. Vor allem im Tiefschlaf wird das Wachstumshormon ausgeschüttet, welches wir für Zellneubildung und Zellteilung benötigen. Kinder brauchen es für das Organ- und Körperwachstum.

In der Tiefschlaf-Phase, welche vor allem in der ersten Hälfte der Schlafperiode auftritt, stärkt der Körper das Immunsystem – gerade in Zeiten der Corona-Pandemie ein bedeutsamer Faktor. Männer schütten Testosteron aus, was für die Fortpflanzungsfähigkeit von Bedeutung ist und deren Muskelaufbau unterstützt.

FOL  

Über den Experten

Hans-Günter Weeß beschäftigt sich seit mehr als 25 Jahren mit den Themen Schlaf und Schlafstörungen. Er ist Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin sowie Leiter des interdisziplinären Schlafzentrums am Pfalzklinikum Klingenmünster. Weeß hat mehrere Bücher zum Thema Schlaf geschrieben, unter anderem „Schlaf wirkt Wunder“ und „Die Schlaflose Gesellschaft“Schlaf . Zudem hat er das Online-Programm „Fit durch gesunden Schlaf“ entwickelt.

Gesunder Schlaf ist zudem ein Gedächtnisbooster. Im Schlaf werden unsere grauen Zellen gestärkt. Bedeutsame neue Informationen vom Tage werden tiefer abgespeichert und ins Langzeitgedächtnis übertragen – aber auch Unwichtiges vergessen. Denn ohne Vergessen kein Neulernen und keine Weiterentwicklung. So haben wir immer genügend Speicherplatz auf unserer Festplatte und können neue wichtige Informationen des Tages abspeichern und uns als Mensch und Menschheit weiterentwickeln.

Darüber hinaus ist Schlaf ein wichtiger Stimmungsregulator. Die Menge des nächtlichen REM-Schlafes (Rapid-Eye Movement), umgangssprachlich auch als Traumschlaf bezeichnet, beeinflusst unsere Stimmung und unser Befinden am Tage. Wer zu viel schläft, fühlt sich häufig in seiner Stimmung gedrückt, wird lust- und antriebslos und erlebt am Tage eine Art Minidepression. Viele, die zu wenig schlafen erfahren erst einmal trotz körperlicher Müdigkeit durch den Schlafmangel eine Stimmungsaufhellung. Im Fachbegriff sprechen wir von einer hypomanen Stimmungslage: Man wird euphorisch, überschwänglich, und neigt gelegentlich dazu, sich etwas zu überschätzen und verrückte Dinge tun.

Schlaf ist in vielerlei Hinsicht, wie es auch schon der Volksmund sagt, die beste Medizin. In vielen Lebenslagen stimmt die Aussage: „Schlaf dich erst einmal gesund“. Wer nicht ausreichend schläft, hat einen bedeutsamen Nachteil. Das Risiko für Stoffwechselerkrankungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen steigt an. Schlaganfall, Herzinfarkt und Bluthochdruck werden wahrscheinlicher. Die Lebenserwartung sinkt. Auch Alterserkrankungen, wie Parkinson und Demenz treten bei chronischem Schlafmangel statistisch gesehen häufiger auf.

Alles über das wichtigste Drittel unseres Lebens – Dr. Hans-Günter Weeß

 

Schlaf macht schlank! Schlaf steuert den Regelkreis zwischen Hunger und Sättigungsgefühl. Viel Schlaf macht nicht unbedingt dünn, aber zu wenig Schlaf kann dick machen. Dabei spielen zwei Hormone eine wichtige Rolle: Leptin als appetithemmendes und Ghrelin als appetitsteigerndes Hormon. Leptin wird vermehrt während des Schlafs ausgeschüttet und ist geeignet, den Appetit zu zügeln. Nur so ist es der Natur möglich, einen ungestörten Schlaf von 7 oder 8 Stunden ohne Nahrungsunterbrechung zu ermöglichen. Ansonsten müssten wir mitten in der Nacht aufstehen und jagen gehen bzw. in der heutigen Zeit etwas bequemer zum Kühlschrank laufen.

Risiko für psychische Störungen steigt

Schlafmangel als auch Schlafstörungen hemmen die Ausschüttung von Leptin und können eine Gewichtssteigerung mit bedingen. Wer weniger als 4 Stunden schläft, erhöht sein Risiko für Übergewicht auf 73 Prozent, bei 5 Stunden Schlaf liegt es immerhin auch noch bei 50 Prozent.

Wer an chronischem Schlafmangel und vor allem chronischen Schlafstörungen leidet, erhöht sein Risiko für psychische Störungen. Aktuelle Studien legen ein zirka dreifach höheres Risiko für Depressionen und Angststörungen nahe. Aber auch Suchterkrankungen werden häufiger. Die Wahrscheinlichkeit für einen ungesunden Alkoholkonsum steigt beispielsweise an. Wer an Schlafstörungen leidet, das zeigen aktuelle wissenschaftliche Studien, hat deutlich mehr Krankheitstage im Jahr als schlafgesunde Menschen. Menschen mit Schlafstörungen sind 2,8mal länger krankgeschrieben als dies Menschen ohne Schlafstörungen sind. Damit wird tiefer und erholsamer Schlaf auch zu einem bedeutsamen Wirtschaftsfaktor.

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  •  1,6 Prozent des Bruttosozialproduktes gehen durch unausgeschlafene Mitarbeiter verloren

    Der deutschen Wirtschaft gehen jährlich bis zu 1,6 Prozent des Bruttosozialproduktes durch unausgeschlafene Mitarbeiter verloren. Dies entspricht knapp 60 Milliarden Euro in Deutschland. Fehlzeiten am Arbeitsplatz und fehlende Produktivität infolge Leistungseinschränkungen und vermehrter Arbeitsfehler sind die Ursache. Damit aber nicht genug. Das große Gähnen infolge chronischen Schlafmangels macht uns nicht nur am Arbeitsplatz müde und unausgeschlafen.

    Auf deutschen Straßen sterben mehr als doppelt so viele Menschen infolge tödlicher Unfälle durch Sekundenschlaf als infolge Alkohols am Steuer. Grundlagenstudien zeigen, dass Schlafmangel das Risikoverhalten erhöht und zu falschen Entscheidungen führt. Besonders fatal in Politik und Wirtschaft. Hier werden oft weitreichende Entscheidungen nach langen Nachtsitzungen getroffen.

    Bill Clinton hat nach seiner Amtszeit einmal die Aussage getroffen: „Meine größten Fehler habe ich immer dann gemacht, wenn ich zu wenig geschlafen habe“. Und Kurt Beck, ehemaliger Ministerpräsident, hat ebenfalls nach seiner Amtszeit als aktiver Politiker einmal in einem Interview zur Sinnhaftigkeit langer Nachtsitzungen einmal zugegeben: „Was glauben Sie denn, wer sich nachts um drei durchsetzt? Diejenigen mit den besseren Argumenten oder derjenige mit dem besseren Stehvermögen?“

    Daher brauchen wir eine neue Sicht auf den Schlaf. Wir sollten ihn nicht verkürzen, um noch mehr Arbeit und Aktivitäten in unsere Tage zu zwingen, sondern ihn wieder wertschätzen lernen.

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